Mogelpackung Transformation

Das Gleichnis von den aufgescheuchten Raben

Laut ist das Geschrei. Überall lauert Existenzverlust. Die Welt ist neuerdings global. Die Komplexität macht sie VUCA. Wir werden jetzt alle digital. Hunderte von Millionen von Jobs stehen auf dem Spiel. Der Indianer hatten wohl doch recht: bald werden wir erkennen, dass wir Bitcoins nicht essen können. Und was ist unsere Antwort darauf?

 

 Die selbstwirksame Organisation Gebhard Borck

 

Na klar: »Wir müssen transformieren! Die Demokratie. Wie wir mit Entwicklungsländern umgehen. Woher die Energie kommt. Womit wir uns fortbewegen. Wer das Geld verteilt. Und ganz zuvorderst, wie wir arbeiten. Das muss künftig stärker menschzentriert sein. Da sind Umweltinteressen von Belang. Die sollten mit den Interessen der Wirtschaft ausbalanciert sein. Und dann gäbe es ja noch die Idee, zeitig den Mars zu besiedeln. Das wir das alles mit dem Altbekannten: „Der Alte sagt an und wir machen mit!“ hinbekommen, glauben nur wenige. Also auf geht’s, Ärmel hochkrempeln und eifrig transformieren! Geht es Ihnen wie mir? Sehen Sie so viel Enthusiasmus auch eher kritisch? Wehrt sich in Ihnen etwas, wenn Ihnen jemand zuerst Angst macht, und Sie anschließend zwingen will, zu tun, was Ihnen gesagt wird? Na dann passen Sie mal auf. Ich hab da eine tolle Geschichte für Sie.

 

Das Gleichnis von den Raben

Kaum hatte ich mich als Berater selbständig gemacht, lernte ich den Respekt kennen, den Mitarbeitende diesem Berufsstand entgegenbringen. Es gab da viele Späße darüber, mit wie wenig Kompetenz Consultants ihren Kunden das Geld aus den Taschen ziehen. Eine Geschichte ist mir bis heute in Erinnerung. Sie zeigt, wie ich keinesfalls beraten wollte. Die Erzählung geht so:

Es wird bereits dunkel, als Claudia Maier ihre Firma verlässt. Sie ist die Eigentümer- und Geschäftsführerin. Heute wurde es wieder einmal später. Doch so ein Betrieb mit knapp eintausend Beschäftigten kommt jeden Tag mit Überraschungen um die Ecke. An der Pforte begegnet sie einem auffällig gut gekleideten Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Beim Hinausgehen wendet sie sich an ihn: »Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?« Der Angesprochene nimmt sportlich und zugleich elegant die letzten drei Stufen zur Ausgangstür, die Claudia für ihn aufhält: »Hallo, ich bin Nick Sinclair. Ich berate die Firma in der aktuellen Transformation.« Die Neugierde der Unternehmerin ist geweckt. Man kann ja nicht alle Initiativen kennen. Also setzt sie nach: »Das freut mich. Und können sie mir in kurzen Worten – ich habe es ein wenig eilig – sagen, was genau sie da machen?« Jetzt stehen beide vor dem Verwaltungsgebäude. Nick antwortet nicht gleich. Stattdessen schaut er sich um. Auf der anderen Straßenseite liegt der Firmenparkplatz. Eine Reihe von Bäumen schirmt ihn von der Straße ab. Der Blick des Beraters hellt sich auf. Ohne ein weiteres Wort stürmt er auf die Baumreihe zu, klatsch dabei in die Hände und ruft laut: »Hey, hey, hey!« Das schreckt eine Gruppe Raben auf, die es sich in den Ästen bequem gemacht hatten. Claudia läuft Nick, einigermaßen überrascht, jedoch ohne große Hektik hinterher. Als sie ihn einholt, haben sich die Vögel bereits wieder ein Ruheplätzchen in den Baumkronen gesichert. Beim Berater angekommen fragt die Chefin: »Und was soll mir das zeigen?« Nick erwidert: »Na das ist, was ich mache.« Claudia meint lakonisch: »Naja, sie haben die Brut zwar aufgescheucht, doch es sitzen ja alle wieder auf einem Ast.« Darauf der Consultant: »Ja schon, allerdings alle an einem anderen Platz!«

Genau das kaufen heute die meisten Firmen ein, sobald sie ein Transformationsangebot annehmen. Viel Bewegung ohne große Veränderung. Doch auf was sollten Sie achten, wenn Sie es ernst meinen?

 

Augen auf beim Transformations-Kauf

So überspitzt, wie ich es im ersten Absatz formuliert habe, so richtig ist, dass unsere Welt große Herausforderungen für uns und unsere Firmen bereithält. Und ja, ich bin ein Freund des Gedankens von Einstein: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« Doch was heißt das genau? Auf jeden Fall, dass Methoden und Konzepte uns nur dann weiterbringen, wenn wir es schaffen, den Schwierigkeiten mit einem neuen Denken Herr zu werden. Bevor wir also in der Firma anfangen, irgendetwas anders zu machen, lohnt es sich, herauszufinden, wie wir unser Denken transformieren. Doch wie sieht das aus? Lassen Sie es mich an einer Situation aus Ihrem Alltag erklären.

Es ist Montag und Petra kommt schon gestresst zur Arbeit. Das Wochenende war alles andere als entspannt. Dabei fing es freitags total geschmeidig an. Hans hatte die Idee, den nächsten Brückentag für eine Städtereise zu nutzen. Ruckzuck saßen sie zusammen, um sich die möglichen Ziele auszusuchen. Lissabon, Barcelona, London oder doch eher was im Norden, Stockholm vielleicht? Im Durchscrollen der Angebote fiel Petra auf, dass sie vergessen hatte, den Urlaubstag einzutragen. Als sie das anmerkte, sank die Stimmung. Gleich am Wochenende versuchte Sie mit einer ihrer Kolleginnen zu tauschen. Leider ohne Erfolg. Doch Hans ließt weder am Samstag noch am Sonntag vom Thema ab. Bis sie sich schließlich in die Wolle bekamen. Heute, am Montagmorgen, kommt Petra deshalb mit einem Kloß im Bauch ins Geschäft. Hans hat von ihr verlangt, auf den Tag zu bestehen. Noch nicht mal als Urlaub, sondern als Freizeitausgleich. Er verwies auf ihre Überstunden und die Tatsache, dass sie, die sie keine Kinder hatten, regelmäßig länger da blieben, wenn all ihre Kollegen und Kolleginnen nach Hause gingen, weil wieder was mit der Familie war. Nun sei es an Petra, die Sache über den Teamleiter oder sogar den Abteilungsleiter zu spielen.

Denken Sie jetzt, was für ein komisches Beispiel? Das ist doch aus dem Privatleben dieser Petra getriggert. Was hat das mit unserem Denken über Firmen zu tun? Genau das. In unseren Beratungen zeigt sich, dass die Hauptarbeit der Führungskräfte darin besteht, mit »seltsamen« Anliegen aus der Belegschaft oder von der Geschäftsleitung umzugehen. Oft fehlen Informationen zur Motivation, die gerne zum Teil aus dem Privatleben kommen. Und jetzt gehe ich auf die Transformation des Denkens ein, auf die eine Transformation der Organisation folgt.

Wir bemerken es schon gar nicht mehr. Schauen wir uns die Schritte des gängigen Denkmusters in Firmen an:

 

  • Irgendjemand hat ein Problem. Übrigens egal, ob privat oder beruflich.
  • Ihm oder ihr misslingt es, die Sache schnell zu klären.
  • Weil es mehr Aufmerksamkeit braucht, geht sie / er auf eine Führungskraft zu und delegiert ihr das Thema. In »gut« organisierten Firmen gerne gleich per Formblatt oder Onlineformular.
  • Die Führungskraft nimmt die Anfrage an und bearbeitet sie. Ganz egal, ob sie sie später wieder zurückdelegiert, etwas anweist oder einen Teamprozess startet. Sie versteht sich als dafür verantwortlich, zu einer Lösung zu kommen.
  • Die Chefs walten ihres Amtes, entscheiden und weisen an.
  • Die Mitarbeitenden akzeptieren die Entscheidung und verhalten sich danach oder delegieren das Thema mit neuen Aspekten zurück.

 

Mir ist völlig klar, dass dieses Schema keineswegs für alle und alles stimmt. Doch mir begegnet es in der weiten Mehrheit der Unternehmen und Situationen, die ich mitbeobachten darf. Bleibt die Frage, welche Denkart dahinter steckt? Ich fasse es so zusammen: Aufwändige Problemlösungen sind an »Führende« zu delegieren. Am Beispiel von Petra können wir erkennen, wie gering der Aufwand inzwischen ist, um die Verantwortung zur Klärung abzugeben. Und das Beispiel ist mir schon mehrmals genauso untergekommen.

Erinnern Sie sich noch an Einstein. Aus dieser Denkweise entstehen Probleme. Firmen reagieren deshalb zu langsam auf Marktveränderungen – Kodak und die Digitalfotografie. Mitarbeitende werden zu Erfüllungsgehilfen von immensen Umweltschäden – Verschmutzung ganzer Landstriche und Vergiftung der Bevölkerung (Belegschaften) durch die dort ansässigen Arbeitgeber. Gesellschaften bleiben auf den Aufwänden von Geschäften sitzen, für die Unternehmen keine Haftung übernehmen – Atomausstieg. Jetzt ist es laut Einstein so, dass wir diesen Schwierigkeiten nur beikommen, wenn wir unsere Denkweise ändern. Die Alternative dazu ist, Raben aufzuscheuchen. Doch wie sieht hier eine neue Denkweise aus, die unsere Probleme löst?

 

Die Transformation des Denkens

Es gibt Firmen, die haben sich von der beschriebenen Denkart bereits verabschiedet. Ich nenne sie adaptive Organisationen. Sie folgen einer neuen Denkweise. Bei Ihnen heißt es: Je komplexer die Problemstellung, desto mehr »verantwortungsbewusste« Gehirne an der Lösung beteiligen. Wer so denkt verschiebt den Blickwinkel auf eine Anzahl von Aspekten unseres Arbeitens. Die Wichtigsten sind:

 

  • Weg von der Fremdwirksamkeit von Führungskräften, hin zur Selbstwirksamkeit von allen.
  • Weg von der Verantwortungs- und Machtkonzentration auf wenige, hin zu bewusst geteilter Kompetenz.
  • Weg von Kleinkriegen und Ränkespielen, hin zu aufgearbeiteten und beständig gelösten Problemen.
  • Weg von Schwarzer Peter spielenden Pubertierenden, die schon über dreißig sind, hin zu selbstbewusst reflektierten Erwachsenen.
  • Weg von ausgrenzend radikal durchgesetzten Machtpositionen, hin zu Verständnis und gangbar verlässlichen Vereinbarungen.

 

Wer diesen Weg konsequent geht, stellt grundlegende Veränderungen im Arbeiten fest. Die Transformation ist dabei kein Prozess, der soundsolange dauert. Es ist vielmehr eine Phasenverschiebung. Bei jeder Aufgabe, in jedem Projekt, für jede Herausforderung kann die neue Brille aufgesetzt werden. Mit der veränderten Denkweise gewinnt Ihre Firma andere Lösungswege. Setzen Sie diese um, transformiert sich die Art, wie Sie arbeiten. Praktisch von alleine. Mit viel Klarheit und teilweise völlig ohne Entwicklungsschmerzen, wie wir sie sonst von Organisationsentwicklungen kennen. Das ist Transformation, die funktioniert. Das ist Transformation, die die Zukunft Ihrer Firma sichert. Das ist Transformation, die auf Ihre Belegschaft vertraut. Das sorgt für eine gesunde, stressresistente Ökonomie.

Und so frage ich. „Sollten wir uns wirklich weiterhin die Mogelpackungen der Agil-New-Work-Rabenaufscheucher aufschwatzen lassen, wenn wir einen Systemwechsel praktisch schmerzfrei hinbekommen können?“ Ich weiß: „Wir wollen und können mehr!“

 

 

Das Buch zum Thema

 

Die selbstwirksame Organisation

 

Gebhard Borck


Die selbstwirksame Organisation
Das Playbook für intelligente Kollaboration


Zum Buch


1. Auflage BusinessVillage 2020, 296 Seiten, 29,90 Euro
ISBN 978-3-86980-486-6, 29,95 Euro
ISBN (PDF) 978-3-86980-487-3, 24,95 Euro

 

 

 

 

Bildnachweis

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