Kirchliches Leben im Amt Balga – 16. und 17. Jahrhundert

Deckblatt der Amtsrechnungen – 1636

Die evangelischen Seelsorger im ostpreußischen Amt Balga haben während des 17. Jahrhunderts große Mühe, ihren Gemeindemitglieder den christlichen Glauben näher zu bringen und sie zu einem sittlichen und moralisches Leben zu bewegen.

Zur Einordnung: Im Jahre 1686 findet in Groß Lauth im Kirchspiel Jesau (Kreis Pr. Eylau) der Prozess gegen Anna Bergau statt, die der Hexerei und Zauberei beschuldigt und letztlich ‚ihrer grausamen begangenen Teuffeley und Zanteley halber mit dem Feuer vom Leben zum Tode comdemniret und verdammet‘ wird. Hier nachzulesen: Hexenprozess in Groß Lauth, Pr. Eylau – 1686

Der Theologe und Historiker Adolf Rogge beschreibt den Zustand damaligen kirchlichen Lebens: ‚Die Kirchengebäude waren größtentheils elend und schadhaft. Die Pfarrhäuser waren Hütten, die man heute keinem Instmann anbieten dürfte. Kein einziges, selbst das zu Zinten nicht, besaß einen Rauchfang. Die Pfarräcker waren durch und durch mit Gestrüpp bewachsen oder versumpft. Die Kirchenländereien hatten so wenig Wert, dass vier eingegangene Pfarrhufen zu Hasselberg der Kirche Hohenfürst nur 5 Mark jährlichen Zins einbrachten…

Diese elenden Pfarrstellen waren zum Theil mit äußerst gelehrten Leuten besetzt, die aus allen Gegenden Deutschlands hierher gekommen waren, als „das Evangelium mit vollen Segeln nach Preußenland fuhr“. So war Simon Scholius in Balga ein tüchtiger Schüler Luthers und Melanchtons. Marcus Schwilling, anfangs Diaconus in Zinten, später Pfarrer in Hohenfürst, von Brenz und Schnepff gebildet und zeichnete sich ebenso als Kanzelredner wie als Katechet aus. Valentin Schulz, der Pfarrer in Zinten, ein Schlesier, hatte seine Studien in Wien und Krakau gemacht und wurde als ein verständiger und fleißiger Mann gelobt.

Freilich fehlte es in jener Zeit auch nicht an schwach begabten, zum Theil unstudierten Leuten, welche nicht im Stande waren, das Evangelium mit Nachdruck zu predigen. Sehr übel beraten waren in dieser Beziehung die Kirchen zu Eichholz, Waltersdorf und Lindenau‚.

Anmerkung: Zum Kirche von Eichholz gehörten eine ganze Reihe meiner eigenen Vorfahren – u.a. die Tolkmitts.

Durch wüste Zeiten aller Zucht entwöhnt waren besonders ‚Üppigkeit und Unzucht eingerissen‘. … Beklagt wird vor allem unangemessene Bekleidung beim Abendmahl sowie der Zustand, dass ‚Hurerey‘ an vielen Orten, besonders in der Stadt Zinten, mittlerweile nicht mehr als Laster, sondern als Tugend angesehen würde. Die Gottesdienste wurden kaum besucht – die Kirchen blieben leer. ‚Man schob Kegel unter der Predigt‘.

Schließlich ergriff man ‚Zwangsmaßnahmen‘, um die Leute zum Besuch des Gottesdienstes zu bringen. Jedes Haus wurde unter kirchliche Aufsicht gestellt. ‘Die sog. Schulzenbänke, welche in andern Ämtern bereits eingeführt waren, wurden auch hier (im Amt Balga) eingerichtet. Es waren dies erhöhte Sitze, welche die Ortsschulzen oder sonstige vom Patron der Kirche ernannte Aufseher einnahmen’.

Fortan durfte nur jeweils eine Person aus jedem Haus dem Gottesdienst fernbleiben – wer ohne triftigen Grund fehlte, wurde dem Schulmeister gemeldet, der darüber Buch führte und Strafgelder eintreiben musste. Den 10. Teil dieser Gelder durfte er selbst behalten.

Die Maßnahmen waren erfolgreich. Rogge fährt fort: ‚Das kirchliche Leben nahm im 17. Jahrhundert einen bedeutenden Aufschwung. Die reichlich eingenommenen Tafelgelder (jetzt Klingsäckelgelder), welche die meisten Kirchenrechnungen dieser Zeit, trotz der allgemein im Land herrschenden Armuth nachweisen, deuten auf regelmäßigen Kirchenbesuch hin‘.

Auch die Amtsvertreter achten streng auf die Einhaltung der Feiertage. Die folgende Notiz im Protokollbuch des Amtes Balga bezieht sich auf das Dorf Hohenfürst, in dessen Nachbarschaft – in Lütkenfürst – zu dieser Zeit auch mein Vorfahre Michel Lange als Köllmer und Schulz des Dorfes mit seiner Familie lebt.

Actum den 17. April 1699. Die Pauren von Hohenfürst haben heute am Charfreitage vor der Predigt den Scharwerksacker bei hiesigem Vorwerck gepflüget. Weil denn solches wider der Kirchen und S. Cfl. Dhl (Seiner Churfürstlichen Durchlaucht) Verordnung läufft, da dieser Tag feyerlich begangen werden soll, so sind die Wirths mit Thurm-Straffe beleget worden.‘

Kirchenzucht wird in den evangelischen Kirchen zur Sitte. Der Pfarrer ist zu dieser Zeit hoch angesehen – nicht nur bei den Bauern und einfachen Dorfbewohnern, sondern auch bei den Adeligen, die Patenämter bei seinen Kindern übernehmen oder ihn selbst zu Paten wählen.

In einigen Kirchspielen zeigt sich die sittliche Veränderung deutlich – im Kirchspiel Hohenfürst werden in der Zeit von 1676 bis 1718 nur 22 uneheliche Kinder geboren. In 26 Jahrgängen kommen überhaupt keine unehelichen Geburten vor.

Und auch das Pfarrhaus wird nun ansehnlicher und wohnlicher ..

Besonders in der letzten Hälfte des Jahrhunderts wandeln sich Pfarrhäuser aus rauchigen Hütten in gemüthliche zuweilen comfortable Wohnstätten um. In der äußeren Einrichtung unterscheiden sich die meisten derselben wenig von den damals und zum Theil noch heute üblichen Bauernhäusern. Es wird die große und kleine Stube, sowie ein Studierstüblein für den Pfarrer unterschieden. Die große Stube für gewöhnlich der Aufenthalt für die Dienstleute, hatte einen ungeheuren Kachelofen mit der unvermeidlichen Ofenbank, an den Wänden zogen sich Holzbänke herum. Oftmals tickte in ihr eine, auf Kosten der Kirchenkasse angeschaffte Uhr. In einem Pfarrhause finden wir über dem Bett des Pfarrers eine geladene Pistole‘. (Quelle: Adolf Rogge: Das Amt Balga. Beiträge zu einer Geschichte des Heiligenbeiler Kreises. In: Neue Preußische Provinzial-Blätter)

Bei der Erwähnung der Pistole bezieht sich Rogge auf folgenden Vorfall in Hohenfürst:

Kirchenbuch Hohenfürst 1684

d 10ten Julius 1684 ein Mädgen ins 30 Jahr aetatis gegen 5 Uhr abends des Hans Riemannß eines Instmannß in Hochförst Tochter nahmes Barbara von des Henrich Engelken auch eines Instmannß Sohn nahmens Martin(,) der auch von 30 Jahren seines Alters und im damahligen Pfarr Dienste durch einen Pistolen Schuß in Abwesenheit der Herrschaft(,) so selbige über dem Bette vergessen(,) vor der Hausthüre tötlich verwundet(,) so den Tag darauff etwa umb 5 Uhr auch todes verblichen, und den donnerstag darauff begraben worden.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Wachstuchmantel gegen Cholera?

Im Sommer 1831 bricht in Königsberg eine Cholera-Epidemie aus, mit deren Bewältigung offenbar sowohl die Ärzte als auch der Magistrat der Stadt völlig überfordert sind. Ganze Stadtbezirke werden abgesperrt und Lazarette werden eingerichtet, um die Erkrankten isolieren zu können. Teile der Bevölkerung widersetzen sich den angeordneten Maßnahmen – es kommt zu einem Tumult, der schließlich sogar Tote fordert. Ich habe hier darüber geschrieben: Die Cholera in Königsberg und Landsberg, Pr. Eylau

Beim Ausbruch der Epidemie ist die Hilf– und Ratlosigkeit der Ärzte groß. Verzweifelt bemüht man sich, wirksame Behandlungsmethoden zu finden, die teilweise skurill anmuten. Allein in Königsberg sterben in der Zeit vom 23. Juli bis zum 30. November 2191 Personen an der Cholera; dazu kommen – vom 28. Juli bis zum 23.November – noch 254 Verstorbene aus den zum Kreis gehörenden ländlichen Ortschaften.

14 Tage nach Ausbruch der Krankheit geben einige Königsberger Ärzte gemeinsam eine ‚Cholera-Zeitung‘ heraus, um die Bewohner über sinnvolle Maßnahmen informieren und unsinnigen Behandlungsmethoden entgegenwirken zu können.

Durch genaue Analyse der Verlaufs sowie zahlreiche Untersuchungen und Befragungen gelingt es allmählich, den Ursachen des Ausbruchs und der Verbreitung auf den Grund zu gehen.

Die Unsicherheit nimmt ab und der Humor kehrt zurück – das zeigt auch dieser Artikel von Dr. Hirsch, der auf humorvolle Art den sinnlosen Einsatz eines Wachstuchmantels reflektiert, den einige Ärzte in anderen Gegenden als Schutz vor der Cholera trugen. Dr. Hirsch berichtet:

‚Der Scharlachrock, in welchem vor Zeiten die Ärzte einherwandelten, ist längst aus der Mode gekommen: an seine Stelle tritt jetzt an vielen Orten der Wachstuchmantel. Königsberg ist zwar durch die Stellung, die seine Ärzte schon frühzeitig eingenommen hatten, mit dieser Ceremonie verschont worden; da aber ängstliche Gemüther doch meinen könnten, es sei etwas zum Wohl der Stadt gehöriges versäumt worden, so wollen wir die Bedeutung jener neuen Toilette etwas genauer untersuchen.

Das Wachstuch ist bekanntlich ein vortreffliches Material zum Verpacken von allerlei Waaren, da das Regenwasser davon abläuft: ein dunkles Gefühl von Ähnlichkeit, als müßten alle Krankheitsstoffe eben so davon abgleiten, scheint es zu Masken-Anzügen in ansteckenden Krankheiten empfohlen zu haben.

Bei der Pest, die nur durch unmittelbare Berührung ansteckt, läßt sich die Sache zur Noth noch denken, da das Wachstuch eine zwar dünne, aber doch feste Scheidewand zwischen dem Kranke und dem Arzt bildet; bei der Cholera aber, wo der Kranke, wie die Contagionisten versichern, die Atmosphäre auf hunderte von Schritten inficirt, wird das Schützen viel mißlicher.

Der Arzt ist kein Poststück, das luftdicht verpackt werden kann; er soll den Kranken ansehen – die Augen muß er also frei haben; er soll seine, mit heiserer, fast tonloser Stimme ausgesprochenen Klage anhören – die Ohren dürfen folglich nicht verdeckt werden; er soll dem Leidtragende Trost, der Umgebug Verordnungen geben – dazu darf er kein Blatt, geschweige denn eine Larve vor den Mund nehmen; er ist auch selbst ein Mensch und kann es nicht lange ohne Atemholen aushalten; da nun in der Minute 15-20mal geathmet wird, und es nicht jedemanns Sache ist, einen Krankenbesuch in 3-4 Secunden (innerhalb eines Athemzugs) abzumachen, so wird er auch die Nase nicht füglich verschließen können. Die Wachstuchkappe muß also an den zartesten Theilen, an Augen, Ohren, Nase und Mund durchbrochen sein und kann die Ansteckung höchstens von Scheitel, Stirn und Backen abhalten – ein magerer Schutz!

Zu der Kappe gehört aber auch eine Kutte, und diese soll die darunter getragenen Kleider bedecken, damit ihre Oberfläche keinen Ansteckungsstoff einsauge und auf andere Personen übertrage. Abgesehen von dem gänzlich Unerwiesenen der alten Meinung, dass Wachsleinwand weniger Ansteckung aufnehme, als Tuch oder anderes Zeug, so müßte doch, um seinen Zweck zu erfüllen, der Mantel ganz luftdicht auf den Kleidern anliegen und wenn die Ärzte nicht bei Pariser Stutzern Unterricht in den Künsten einer glatten und faltenlosen Toilette nehmen wollen, so möchte der subtile Cholera-Stoff genug Ritzen finden, um zwischen Mantel und Rock durchzuschlüpfen.

Man entschuldige den Spott, der, so ernsthaft die Sache auch ist, fast gewaltsam sich aufdrängt. Untersuchen wir aber jetzt, welche Folgen es für Königsberg gehabt hat, dass kein Wachstuchmantel sichtbar geworden ist. Zuvörderst ist von den 16 (einige später eintretende mitgerechnet, 19) Districts- und 6 Hospital-Ärzte, die einen großen Theil des Tages unter Cholera-Kranken zubrachten und ohne Umstände mit ihnen eben so frei umgingen als mit irgend welchen andern Kranken, kein einziger erkrankt. Die Gegner werden sagen: „Diese 25 Ärzte haben zufällig keine Empfänglichkeit für Ansteckung gehabt, aber wer weiß, wie vielen Personen sie den Peststoff in ihren Tuchkleidern zugetragen haben?“

Dies Unglück hätte zunächst unsre Familien treffen müssen, aus deren Kreis wir so oft in ungewöhnlicher Zeit zu Cholera-Kranken gerufen wurden und dann unmittelbar zu ihnen zurückkehrten. Aber durch Gottes Gnade, der uns zu dem Schwere nicht noch das Schwerere auferlegen wollte, ist kein Mitglied unsrer Familien befallen worden. Eben so sind unsre würdigen Geistlichen, welche die Kranken vielfach besuchten und ihnen das Abendmahl reichten, sämmtlich verschont geblieben … Sonach scheint es wohl erwiesen, dass diejenigen, die mit Cholera-Kranken umgehen, wenigstens in keiner größern Gefahr sind, als alle übrigen Bewohner des Orts, der unter der Herrschaft der Cholera-Epidemie steht….

Mindestens hätten unsre Resultate nicht günstiger ausfallen können, und wenn in andern Städten keiner erkrankt, der in Wachstuch gehüllt geht, so kann man höchstens sagen, das Wachstuch sei unschädlich gewesen ….

Wenn also von diesem Fabrikat bei uns kein Gebrauch gemacht worden ist, so hat wohl, mit Ausnahme der Straßenjugend, der die vermummten Doctoren viel Spaß gemacht hätten, Niemand dabei verloren, nicht einmal der Wachtuchhändler: denn wenn die hiesigen Erfahrungen dazu beitragen, die Furcht vor giftfangenden Waaren und zugleich den Nutzen der Quarantainen und Desinfections-Anstalten wankend zu machen, so werden sie, bei wieder auflebendem Handel und Verkehr, weit mehr von ihrem Handels-Artikel zu Waaren-Emballage (=Verpackung) absetzen, als alle Preußischen Ärzte zu Mänteln gebraucht hätten.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Von Groß Peisten, Pr. Eylau, ins Baltikum …

Theophil Ernst Kriese gehört zu den zahlreichen Personen aus dem Gebiet des ehemaligen Kreises Preußisch Eylau, die sich zu unterschiedlichen Zeiten auf den Weg in andere Regionen machen – seine Spur führt ins Baltikum.

Theophil Ernst Kriese heißt eigentlich Gottlieb Ernst Kriese. Er kommt am 4. Februar des Jahres 1785 als dritter Sohn des Pfarrers und Inspektors Carl Friedrich Kriese und dessen Ehefrau Juliana Christina Peter im Pfarrhaus von Groß Peisten zur Welt und wird am 8 Februar in der dortigen Kirche auf den Namen Gottlieb Ernst getauft.

Zur Familie: Sein Vater stammt aus Elbing – seine Eltern heiraten 1781 in Groß Schwansfeld im Kreis Friedland. Der Heiratseintrag im Kirchenbuch lautet : Herr Carl Friedrich Kriese, Pfarrer in Peisten und Inspector, des Herrn Jacob Kriese, gewesenen Kaufmanns Herrn Sohn, mit seiner Jungfer Braut Juliana Christina(,) Martin Peter, Pächter der Hochadel. Beestenschen Gütern nach erhaltener Concession in dem Hofe Beesten ehelich eingesegnet.

Unter den Taufpaten des ersten Sohnes (1782) führt der Peistener Pfarrer Carl Friedrich Kriese auch einige Familienmitglieder auf: Johann Martin Peter, Generalpächter der Besthenschen Güter als Großvater – Herr Carl Christian Peter, Justizbürgermeister in Schippenbeil als Schwager – Herr George Gottlieb Kriese, Kaufmann in Elbing als Bruder. Pfarrer Kriese verstirbt 1803 in Groß Peisten – das Pfarramt in Peisten übernimmt der älteste Sohn Johann Carl Christian Kriese, der zuvor Pfarrer in Tauroggen war. Tochter Juliana Friedrica Kriese, die 1791 in Groß Peisten zur Welt kam, heiratet 1817 Carl Otto Weichert, einen Sohn von Theodor Friedrich Weichert (von 1808 bis 1816 Pfarrer in Borken, Kreis Pr. Eylau)

Die Informationen über das Leben und Wirken Theophil Ernst Krieses enthalten einige widersprüchliche Angaben – sicher ist wohl, dass er die Schulen in Bartenstein, Marienwerder und Königsberg besucht und im Alter von 15 Jahren ein JuraStudium an der Albertina in Königsberg beginnt. Er schließt dieses Studium jedoch nicht ab, da er seine große Leidenschaft für die Erziehungswissenschaften entdeckt.

Von 1801-1805 nimmt Theophil Ernst Kriese eine Stelle als Hauslehrer in Litthauen an. Anschließend – von 1805 bis 1815 – unterricht er die Kinder der Familie von Lilienfeld, ab 1808 geschieht dies im Schloss Ermes in Lettland, das der Obristlieutenant Magnus Johann von Lilienfeld um diese Zeit käuflich erwarb.

In Ermes lernt Theophil Ernst Kriese vermutlich auch seine zukünftige Ehefrau kennen, denn 1813 findet in der dortigen Kirche seine Hochzeit mit Annette Margaretha Reinert statt.

Aus dem Kirchenbuch von Ermes: Heiratseintrag: 1813 d(en) 28ten Juni cop(uliert) der Herr Candidat Juris Ernst Theophil Kriese(,) Hauslehrer in Ermes bei den Kindern des Herren Obrist Lieutenant von Lilienfeldt, mit der Mademoiselle Annette Margarethe Reinert, in Ermes

Pernau Fellin Ermes Walk Dorpat … Stationen im Leben von Theophil Ernst Kriese

1816 gründet Theophil Ernst Kriese in Fellin – einer Hansestadt im Süden von Estland (heute Viljandi) – eine private Erziehungsanstalt für Mädchen. 1821 wird diese als Internatsschule nach Pernau verlegt, wo Theophil Ernst Kriese von 1823 bis 1826 auch Herausgeber des Pernauschen Wochenblatts ist.

Einige Inserate Krieses aus diesem Wochenblatt ...

1825 sucht Theophil Ernst Kriese Damen oder ‚Mesdemoiselles, welche den Unterricht in den weiblichen Handarbeiten … gegen nicht unbillige Bedingungen‘ für eine Zeit lang übernehmen – 1827 ruft er die Pernauer Eltern dazu auf, ihre Töchter in seine Schul- und Erziehungsanstalt zu geben.

1828 erfährt man, dass Theophil Ernst Kriese aufgrund seiner Schulden nicht mehr in der Lage ist, die Gehälter seiner Lehrerinnen auszuzahlen. Er versucht deshalb, sowohl sein Fortepiano, welches von L. Lüdicke in St. Petersburg verfertigt, von starkem Ton und lange erprobtem Mechanism‘ ist als auch seine Büchersammlung von 150 Bänden‘ und seineMusikalien und auf Pappe gezogenen Zeichnungen zu veräußern.

Offenbar wird Theophil Ernst Kriese von einigen Personen finanziell unterstützt – es scheint, als habe man verhindern können, dass er sich von seinem Klavier und seinen Büchern trennen musste, denn mit folgenden Worten bedankt sich Kriese im Pernauer Wochenblatt für die ‚viele edle Teilnahme an seinem Schicksal‘:

Später Dank, der vom Darbringer nicht verschuldet ist, erreiche all die guten Herzen, die einem armen Manne so großmüthig halfen, als er im Begriff war, sein ihm theuerstes Besitzthum dahin zu geben. Der über so viele edle Theilnahme an seinem Schicksal innig Gerührte, segnet im Namen seiner Kleinen mit tief geführter Erkenntlichkeit alle diejenigen, die seinem bedrängten Leben der Harmonie u. Tröstungen nicht versagen wollten, welche ihr eignes Leben in allen Beziehungen noch spät und lohnend erfreuen mögen!‘

Den Konkurs kann Theophil Ernst Kriese – der mittlerweile als Kreislehrer und Schulinspektor in Walk lebt – jedoch nicht mehr abwenden. Am Endes des Jahres 1828 wird dieser bekannt gegeben und aufgrund einer Verfügung des Pernauschen Landgerichts wird Krieses Besitz – ‚bestehend in Silber, Spigeln, Kleidungstücken, Meublen, fayencen Steinzeug, Bücher, Noten, Instrumente und dgl.‚ versteigert.

Um 1832 kehrt die Familie nach Fellin zurück.

Neben seiner Lehrtätigkeit ist Theophil Ernst Kriese auch schriftstellerisch tätig – er wird deshalb in einigen Lexika und historischen Abhandlungen erwähnt. 1824 veröffentlicht er die epische ErzählungEuphilos und Maria oder der Seher Neu-Griechenlands‚. In einer Rezension, die kurz danach erscheint, ist zu lesen:

‚Der Verfasser, von Geburt ein Preuße, seit mehr als 20 Jahren Erzieher, hat eine Erziehungsanstalt für weibliche Kinder gegründet, versichert aber, dass diese Unternehmung ihn zu Grunde gerichtet habe, weil er stets mit Standesvorurtheilen und falschen Ansichten Solcher zu kämpfen hatte, welche alle weibliche Erziehung in äußeres Prunken und in eine sogenannte gute tournure oder auch in eine frömmelnde Erziehungsweise setzen und dass dieser Kampf ihm drückende Nahrungssorgen bereitet und zu diesem poetischen Versuche genöthigt habe‚ (Allgemeines Repertorium der neuesten in- und ausländischen Literatur für 1825; Leipzig 1825)

Quelle:Felliner Litterarische Gesellschaft: Jahresbericht der Felliner Litterarischen Gesellschaft. 1888 (1889)

Quelle: Holst, C.: Die Entwickelung der Stadt Fellin und ihrer Verfaßung; Dorpat 1864

Zur Familie von Theophil Ernst Kriese:

Von 1814 bis 1833 werden dem Ehepaar Kriese an verschiedenen Orten (in Ermes Pernau Walk und Fellin) mindestens 10 Kinder geboren und alle erhalten außergewöhnliche – teilweise der Mythologie entlehnte – Namen.

1814 Taufe in Ermes von Woldemar Julius Thorismund Kriese – er stirbt am 23. August 1817 in Fellin im Alter von 1 Jahr u. 7 Monaten. Als Todesursache gibt der Pfarrer an: er ‚fiel in kochend Wasser‘

1816 – Taufe in Ermes von Adalland Ottomar Allorico Kriese

Es folgen:

  • Selmar Reinhold Kriese *20.5.1817 in Fellin – er stirbt 1856 in Enge, Ksp. Pernau am Schlagfluss. Er wird 39 Jahre alt und ist nicht verheiratet.
  • Ida Selma Egeria Concordia Kriese *1819 in Fellin
  • Ottomar Hercules Freimuth Kriese *1820 in Fellin
  • Thusnelde Kriese *um 1829 vermutlich in Pernau – sie stirbt am 27 Feb 1856 in Helmet.
  • Emma Elisa Selma Maria Kriese *1828 in Walk
  • Siegmar Karl Theophil Hugo Kriese *1830 in Walk
  • Henriette Helene Rosalinde Kriese *1832 in Fellin
  • Adelmar Carl Wendelin Kriese *1833 in Fellin

Am 20. September 1834 verstirbt Krieses Ehefrau in Fellin an Auszehrung. Die arme Frau wird nur 39 Jahre alt und war fast ihr Leben lang schwanger. Die jüngsten Kinder sind zum Zeitpunkt ihres Todes 1 und 2 Jahre alt.

Frau Schulinspectorin Anna Margaretha geb. Reinert

Theophil Ernst Kriese arbeitet nach dem Tod seiner Ehefrau weiterhin in Fellin. Am 31, Januar 1845 wird er wegen zerütteter Gesundheit mit einer Pension von 2/3 seiner Gage aus dem Dienste entlassen‘ . 3 1/2 Jahre später – im September 1848 – verstirbt Theophil (Gottlieb) Ernst Kriese in Dorpat an der Cholera. In seinem Sterbeeintrag wird als Geburtsort fälschlicherweise ‚Elbing‘ angegeben.

Über zwei Kriese-Kinder konnte ich noch Folgendes herausfinden: Henriette Helene Rosalinde Kriese – die jüngste Tochter – heiratet am 22. Juli 1859 in Dorpat in eine bekannte baltische Künstlerfamilie ein.I hr Ehemann wird der Landschafts- und Marinemaler Georg Alexander Schlater (1834-1879), ein Sohn des in Riga tätigen Zeichenlehrers, Malers und Lithografen Georg Friedrich Schlater, der aus Tilsit stammt.

Georg Friedrich Schlater – Der Promenadenplatz in Dorpat um 1830 (Wikipedia)

Und dann entdeckte ich im ‚Album Academicum‚ von Dorpat noch ‚Wisimar Ernst Allorico Kriese‚, der an der Universität von Dorpat Medizin studiert und Marinearzt in Kronstadt wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um den ältesten Sohn Theophil Ernst Krieses handelt, der 1816 in Ermes auf den Namen Adalland Ottomar Allorico Kriese getauft wurde.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Ohne Degen – ohne Hose ….

Kriege wurden zu allen Zeiten geführt – heute anders als in früherer Zeit, aber immer waren und sind sie verbunden mit Angst, Schrecken und sehr viel Elend. Mit dem Thema ‚Militär‚ habe ich mich bisher kaum befasst und ich will auch nicht zu tief in diese Thematik eintauchen … Doch im Leben meiner Vorfahren – ganz egal, ob sie in Ostpreußen, Bremen, in Sachsen, Hessen oder anderswo ansässig waren – spielte der Militärdienst eine große Rolle.

Im ehemaligen Ostpreußen ließen sich schon die Ordensleute bei der Landvergabe unterzeichnen, dass die Landbesitzer im Kriegsfalle mit ‚Hengst und Harnisch‚ dem Orden zu dienen verpflichtet sind – wie 1491 bei Peter Tolkmitt, der 12 Huben in Kildehnen im Kirchspiel Eichholz, Kreis Heiligenbeil erhielt. Dies ist ein Ausschnitt aus seiner Verleihungsurkunde:

Wir Bruder Jeronimus von Gebbbensattel. Oberster Trappier, komthur zur Balge und Vogt auf Natangen, des Ordens der Brüder des Hospitals Sankte Marie des deutschen Hauses von Hierusalem, Thun kundt und offenbahr Allen und itzlichen, die diesen Brieff sehen, hören oder lesen, daß wir mit wissen, Rath und willen, des gar Ehrwürdigen Herren, Herrn Johann von Tieffen, Hoemeisters deutschs Ordens vnd mit wissen und willen vnsers Ordens Edelsten Brudern zur Balge, Vorschreiben leysen und geben in Krafft vund macht dieses Briffes, dem Wohlduchtigen unsern lieben getrewen Peter Dolkemitten, seinen rechten Erben und nachkommlingen zwelf Huben zu Kyldenyn an Acker, wiesen, weiden, walden, Puschen, Bruchern und Streuchern im gebit Balge vund Zintschen Kammerampt beim Eichholz gelegen, binnen solchen Reinen vnd grenitzen, also die von alters somirt beweyset, Frei Erblich und Ewiglich zu Cölmischen Rechten zu besitzen. Vmb welcher vunser begnadigung willen soll Peter Dolkemitte, seine rechte Erben und nachkommlinge, vns vund vnserem Orden verpflicht sein zu thun einen redlichen vnd duchtigen Dienst mit Hengst vnd Harnisch nach dieses Landes gewohnheit, zu allen geschreyen heerfahrten, Landeswehren vnd Reysen….

‚Die Anfänge der preußischen Armee als stehendes Heer liegen in der Regierungszeit des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten (1640 bis 1688). In einer Sitzung des Geheimen Rates am 5. Juni 1644 wurde die Aufstellung einer stehenden Armee beschlossen. Vorher hatte Brandenburg im Kriegsfall ein bezahltes Söldnerheer aufgestellt, das nach Kriegsende wieder aufgelöst wurde. Dieses Verfahren, so zeigte der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, war nicht mehr zeitgemäß‘. (Wikipedia)

Aus dem Internetprojekt www.preussen-chronik.de: Den Ausgang des Mittelalters kennzeichnet in militärischer Hinsicht das Zurücktreten des Rittertums zugunsten des in Formation und zu Fuß kämpfenden Landsknechtes. Damit verbunden ist die Entwicklung großer kompakter Truppenkörper, die den Attacken der ritterlichen, gepanzerten Reiterei standhalten können und diesen überlegen sind. Nicht mehr der Einzelkämpfer dominiert das Schlachtfeld, sondern ein unpersönliches Kollektiv von Kämpfern, die in einer Schlachtaufstellung zusammengefaßt sind. Ihre Effektivität lag in der Zusammenfassung ihrer Waffen zu einem Körper. Je gleichmäßiger die Bewegungen dieser Truppenkörper abliefen und je mehr sich das Individuum sich dem System anpaßte, desto schlagkräftiger waren sie. Mit dem Übergang der Söldnerheere in die Hand der Fürsten ging eine Vereinheitlichung der Truppen, Uniformen und der Ausbildung einher. Die neue Form der Gefechtstaktik erforderte immer größere Truppenmassen und ein hohes Maß an Übung und Ausbildung der Soldaten. Neue Waffen, Artillerie und Handfeuerwaffen, erforderten einen erheblichen Aufwand an Geld. Sinnvoll einzusetzen war dieser Aufwand nur von bereits vorhandenen, also „stehendenTruppen, die in einem Krieg nicht erst neu angeworben und ausgebildet werden mußten. Während einer Übergangszeit bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, erwies sich die Unzuverlässigkeit des privaten Kriegsunternehmertums in Form der Söldnerheere, die je nach Bezahlung die Lager wechselten und nach Beendigung des Krieges zur plündernden und mordenden Landplage wurden. Der Ausweg war das stehende Heer, das, von mittelalterlichen Vorläufern abgesehen, zuerst im wirtschaftlich potenten Frankreich und Spanien Anfang des 17. Jahrhunderts, aufgestellt wurde. Die Bindung an nur einen Herren und die einheitliche Ausbildung machten diese Heere zu einem sehr effektiven Instrument, so daß bis in die Gegenwart hinein fast jeder Staat der Erde über ein stehendes Heer verfügt.

Chronologie der Kriegsereignisse im 17. Jahrhundert, an denen die Armee des Großen Kurfürsten beteiligt war:

  • 1656-1657 Schwedisch-Polnischer Krieg
  • 1658-1660 Schwedischer Krieg
  • 1663-1664 Krieg gegen die Türken
  • 1670-1673 Krieg gegeen Frankreich
  • 1672-1674 Polnisch-Türkischer Krieg
  • 1674-1679 Französisch-Niederländischer Krieg
  • 1683-1684-1686 Krieg gegen die Türken

Porträt des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Adriaen Hanneman 1647

Das Gebiet des späteren Kreises Pr. Eylau liegt seit der Regierungszeit des Herzogs Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568) im Kreis Natangen – in den Hauptämtern Brandenburg, Balga, Pr.Eylau und Bartenstein. In regelmäßigen Abständen werden die dort lebenden Wehrpflichtigen zur Musterung in die für sie zuständigen Ämter zitiert und überpfüft. Dabei führt jedes Amt eigene Musterrollen, in denen die Ergebnisse der Prüfung notiert werden.

Der zu leistende Kriegsdienst ist je nach Rang unterschiedlich – für Adelige; Köllmer und Freie oder Wibranzen (Landmilizen) werden gesonderte Musterrollen angefertigt.

Eingetragen wird: der Name des Reiters sowie die Qualität von Pferd – Sattel- Carabiner – Pistole – Degen – Koller – Stiefel und Mantel

Ausschlaggebend für die Anzahl der Soldaten, die Landbesitzer dem Militär zur Verfügung stellen müssen, sind Größe und Qualität ihres Besitzes. In den Beilagen der Musterrollen findet man deshalb oftmals Berichte über die in den einzelnen Ämtern erfolgten Besitzveränderungen. Hat beipielsweise ein adeliger Gutsbesitzer seit der vorherigen Musterung zusätzliche Ländereien erworben, ist er verpflichtet, mehr Soldaten zu senden als zuvor.

Nachfolgend ein Ausschnitt aus der Musterolle des Amts Preußisch Eylau aus dem Jahr 1667: Der Graf von Schwerin auf Wildenhoff soll insgesamt 6 Reiterdienste stellen. Er meldet den damaligen Schulzen aus Canditten namens Israel Blandau – für Halbendorf Jacob Gerund – für Augam Abraham Kerschnick und für Sangnitten (hier Sandnicken geschrieben) George Hartwich zum Kriegsdienst. Der Graf ist eigentlich verpflichtet, auch für den Besitz von Wildenhoff und von Groß Steegen jeweils einen Soldaten zu senden, diese wurden jedoch ‚nicht gestellet‚. Bei der Musterung wird die Qualität der Pferde geprüft sowie die der Carabiner Pistolen Degen Koller Stiefel und Mäntel. In diesem Fall wird alles für ‚gut‚ befunden.

Wenn man Glück hat, findet man in den Musterrollen auch die Namen eigener Ahnen – in der folgenden Liste der ‚Ritterdienste von Freyen und Cölmern‚ des Amtes Balga aus dem Jahr 1669 werden zwei meiner Vorfahren genannt: Hans Tolkmitt aus Gehdau und Jacob Söcknick (hier ‚Zicknick‘ geschrieben) aus Kumgarben. Hans Tolkmitt hat gemeinsam mit den 4 anderen Gehdauer Kölmern – Friedrich Schultz, Friedrich Radau, Peter Schwarck und Christoph Tolcksdorff – insgesamt einen Dienst zu leisten. Gemeinsam senden sie George Radau zur Musterung. Auch hier wird die gesamte Ausstattung kontrolliert und bewertet. Bei Jacob Söcknick wird ein schlechter Degen festgestellt.

Roulle

des

Ambts Balga

Über Ritterdienste, Pferde vors Geschütz und Wybrantzen, wie dieselbe uf Sr. Churfl. Durchl(aucht) gndsten (gnädigsten) Befehl, den 25. Juny ao 1669 sich eingestellet und befunden worden.

Und dann sind da die Wibranzen – in anderen Gegenden Landmilizen genannt – aus der großen Gruppe der restlichen männlichen Bevölkerung (Bauern, Instleute …), die im Falle einer Mobilisierung anzutreten haben: ‚In keinem Theile des brandenburgischen Staates war die Land- oder Lehnsmiliz so ausgebildet wie und so wohl organisirt, als im Herzogthum Preußen‘ (Quelle: George Adalbert von Mülverstädt, Die Brandenburgische Kriegsmacht unter dem Großen Kurfürsten; Magdeburg 1888)

Auch bei Erfassung der Wibranzen wird der Name notiert und es wird die Ausrüstung: Liberey u. Rock (Ober- u. Unterbekleidung) – Mußquete Degen und Pandelier (Bandelier) begutachtet.

Das Bandelier – auch Bandolier oder Bandalier; französisch bandoulière oder spanisch bandolera „Bändchen“- ist ein über die Schulter gelegter, schräg über den Oberkörper getragener breiter Lederriemen, an dem militärische Ausrüstungsgegenstände befestigt waren, die sich aufgrund ihres Gewichtes schlecht am Gürtel oder Leibgurt tragen ließen (Wikipedia)

Viele dieser einfachen Soldaten sind arm und kaum in der Lage, ihren täglichen Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu bestreiten. Es ist ihnen unmöglich, die für den Kriegsfall notwendige Ausrüstung anzuschaffen. Und so erscheinen viele von ihnen bei der Musterung ohne Degenohne Liberey oder ohne Hose….

Aus dem Protokoll der Musterung einer Kompagnie im Mai 1660 – Christoph Hillebrandt, Merten Pusch und Michel Madern kommen ohne Degen und ohne Hose
Unter insgesamt 130 ‚Gefreiten und Gemeinen‘ befinden sich 15 mit Rock und Hosen – 21 mit Rock und ohne Hosen und 46 mit Hosen und ohne Rock

In einem Begleitschreiben der Musterrolle des Amts Brandenburg berichtet der damalige Amtshauptmann Georg Abel von Tettau 1669: es sollten von den Ambts wybranzen‘ 60 Mann in guter Ausrüstung ‚in steter Bereittschafft gehalten werden‘, damit Sie sich ‚an ohrt und stelle, wohin Sie beordert werden möchten ohne mangell und tadell jedesmahl gestellen mögen‘ aber …: ‚Indem die Knechte wie sie gehöret, daß sich die Wibranzen zur Musterung ins Ambt gestellen sollen, auß den Dörfern verlauffen, (so) daß auch die armen Leuthe wenig Knechte in der Arbeit behalten, in sehr geringer Anzahl erschienen, wie es die Musterungs Roulle … besaget, und bitten die armen Unterthanen flehentlich, daß Sie mit Ausrüßtung sothaner Wibranzen bey gegenwärtigem Ihrem armen Zustand vor dieses mahl noch verschonet bleiben möchten …‘.

Auch im benachbarten Amt Balga ist es schwierig. Elias von Kanitz – zuständig für dieses Amt – berichtet 1669 nach der Musterung: insgesamt seien 93 Ritterdienste erfasst worden – 5 Pferde fürs Geschütz und 57 Wibranzen. Denjenigen, die keine ordentlichen Pferde oder eine mangelhafte Ausrüstung gehabt hätten, sei befohlen worden, ‚balden alles sich volständig anzuschaffen‘. Bei den Wibranzen gibt es auch in diesem Amt Probleme. Elias von Kanitz gibt an: ‚Die Wybrantzen seindt meistentheils Kerl von 18 bis 20 Jahr, weilen die alten Knecht mehrentlich auf Erbe genommen, wegen der wüsten, unbesetzten Huben, so noch frey Jahre haben und verarmten Pauren, gehen etliche ab … Das Gewehr derselben ist bei der licentirung abgenommen und ins Zeughauß gebracht worden. Ist ihnen zwar ernstlich anbefohlen, Ober- und Untergewehr zu schaffen, die Pauren aber schüzzen die große armuth und unvermögenheit vor‘.

Doch auch dies ist möglich: der Schmied Michael (Michell) Liedtke aus Stettinen im Kirchspiel Eichhorn, der dort 6 Hufen besitzt, leistet 1669 gar keinen Dienst – stattdessen gibt er 21 Rthl in die Churfürstliche Kriegs-Cammer!

Tipps:

Die Musterrollen sind hier zu finden: Musterrollen 1604-1669

Das Internetangebot www.preussenchronik.de ist als Begleitangebot zur sechsteiligen Fernsehdokumentation entstanden, die 2000/2001 im Ersten Programm der ARD, im ORB-Fernsehen, im WDR-Fernsehen, auf B1 (SFB) und Phoenix gezeigt wurde.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Denunziation des Müllers von Neuhausen – 1760

Während mein Vorfahre Johann Wilhelm Hellwich die Mühlen von Groß Steegen und Liebnicken bei Canditten im Kreis Preußisch Eylau betreibt, übt Johann Krumpholtz das Müllergewerbe in Neuhausen im Samland aus. Im Dezember 1755 übernimmt er die dortige Mühle in Erbpacht.

Im Mai 1760 kommt es in Königsberg zu einem Prozess gegen Johann Krumpholtz und seine Ehefrau Anna Christina geb. Kratzer. Der Müllergesell Gottfried Schachner (Schaackner), der 1758 und 1759 jeweils für einige Zeit in der Neuhauser Mühle angestellt war, beschuldigt seinen ehemaligen Dienstherrn des Diebstahls und der Defraudation (Steuer- oder Abgabenhinterziehung) .

Die gesamte Acte ist hier einzusehen!

Derartige Anschuldigungen kommen im Müllergewerbe immer mal wieder vor, weshalb der Beruf zeitweise zu den ‚unehrlichen‘ Berufen gezählt wird.

Im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit galt das Müllergewerbe als anrüchig und „ehrlos“. In der Frühen Neuzeit wurde es vielerorts zu den „unehrlichen“ Berufen gezählt. Oft wurden den Müllern Betrügereien nachgesagt, insbesondere in ihrem Kundenkreis, dem Bauernstand. So karikiert Geoffrey Chaucer im Prolog der Canterbury Tales einen Müller: „Ein Schwadronierer war er und Possenreisser, der alle üblen Schliche seines Handwerks kannte, der wohl wusste, wie man Korn unbemerkt beiseite schafft, wie man mit sicherer Hand den Wert des Korns bemisst und dann die Metzen dreimal nimmt.“ (Wikipedia)

Gottfried Schachner sagt vor Gericht aus, ihm sei befohlen worden, vom Getreide der Mahlgäste täglich 1 Scheffel Futterschrot und wöchentlich 1 Scheffel Brotmehl zur Haushaltung des Müllers zu entnehmen. Auch vom Malz und Branntweinschrot habe er jeweils 1 Scheffel abgezweigen müssen. Bei Abwesenheit des Müllers habe seine Ehefrau bei diesen Betrügereien geholfen. Sie wird in der Anklage als ‚Co-Inquisitin Anna Christina‚ betitelt.

Verschiedene Zeugen bestätigen, dass ihnen in der Mühle Getreide abhanden gekommen sei – Arrendator Wasserberg sagt aus, ihm sei Malz entwendet worden – Krüger Baering habe seinen Knecht Samuel Lau verdächtigt und bestraft, weil Getreide fehlte – Kaesert, Siegmund und der Oberwarth Johann Müller aus Prawten geben an, bei ihnen seien ganze Säcke mit Getreide verschwunden – weitere Zeugen sind: Friedrich Hamann, Christian Hempel, Christoph Matern, Daniel Marquardt, Ringeltaube, Hermenau

Außer Gottfried Schachner werden auch andere Müllergesellen befragt, die zeitweise in der Neuhauser Mühle angestellt waren. Genannt werden: Johann NeumannGeorge Lemcke Johann StallbaumCarl RossPaul Radau – der Lehrbursche Naps und Friedrich Wilhelm Kieter (Keyter).

Quelle: Bildarchiv Ostpreu0ßen

Johann Krumpholtz: leugnet zunächst alle Vorwürfe – sein Geselle würde ihn aus Rache beschuldigen – dieser habe eine ‚schlechte Religion‘ und würde nur selten am Abendmahl teilnehmen. Einige Verfehlungen gibt der Müller zu und kann dies auch begründen – er müsse zu viele Steuern zahlen – es bliebe nichts zum Unterhalt übrig, weder für ihn und seine Familie, noch für die Gesellen, die Unterhaltung des Gebäudes und des Mahlwerks – auch in anderen Mühlen sei es gebräuchlich, gehäufte Metze zu nehmen.

Die Mühle wird besichtigt und anschließend wird berichtet: es zeigten sich deutliche bauliche Mängel. An verschiedenen Stellen des Mühlengebäudes herrscht Dunkelheit – die Mahlgäste können nicht sehen, was mit ihrem Getreide geschieht – entdeckt wird ein ‚Kasten in der dunklen Cammer‘, in dem das entwendete Schrot verwahrt wurde – bei der Visitation der Mühle habe der Müller diesen Kasten ‚ins Hauß geschmißen‘ – die Dieberei konnte mit Hilfe vieler ‚Diebes-Löcher‘ ausgeübt werden – so gab es ,verborgene Gänge und eine Treppe auß der Stuben-Cammer auf die Sack-Lucht‘ um heimlich dort hinzukommen – auch seien die Umläuffe umb die Mühlensteine, welche nach dem Mühlen Reglement oben einen Zoll, unten aber … drey Zoll vom Stein abstehen sollen viel Größer zu Beförderung des gottlosen Vorhabens und Diebstahls‘. Sämtliche Mängel werden bei der Besichtigung so vorgefunden wie sie der Geselle Schackner zuvor beschrieben hatte.

Johann Krumpholz betont, all diese Mängel und alle in der Mühle befindlichen Löcher seien dort schon gewesen als er die Mühle übernommen habe …

Das Königsberger Hofgericht entscheidet: Johann Krumpholz wird zu zweijähriger Festungsstrafe in der Festung Pillau verurteilt und muss innerhalb von 8 Tagen:

  • den Verschlag des Mahlgerüstes abreißen
  • die Wand hinter der Treppe zur Sack-Lucht verändern
  • ein ordentliches Fenster aus Glas einbauen
  • die Treppe von der Kammer auf die Lucht abbrechen
  • das Loch von der Küche in die dunkle Kammer schließen
  • die Umläufe um die Mühlsteine zu verändern

Außerdem soll er den geschädigten Mahlgästen Getreide zurück geben:

In der Urteilsbegründung wird das ‚verstockte Gemüth‘ des Müllers hervorgehoben – ‚die ganzen Acta zeigen, wie verstockt er alles zu leugnen bemüht gewesen‘ und ‚wie gewaltig Inquisit Johann und seine Ehegattin variiret und halsstarrig geleugnet‚ hätten.

Da der Müllergeselle Gottfried Schachner sich zu den Diebstählen hat anstiften lassen, wird dieser der ‚Complicität‚ wegen verurteilt. Bei der Urteilsfindung wird jedoch berücksichtigt, dass er derjenige war, der die Betrügereien ans Tageslicht gebracht hat. Sein Urteil lautet: 3 Monate Arbeit in Fesseln und Banden, halb bei Wasser und Brot. Gottfried Schachner ist jedoch inzwischen verschwunden – er kann seine Strafe erst verbüßen, wenn er wieder dingfest gemacht werden konnte.

Im September 1760 wendet sich Johann Krumpholtz – seit einigen Wochen Insasse der Festung Pillau – an die russische Kaiserin Elisabeth, die ‚Selbstherrscherin aller Reußen‚, die zu dieser Zeit auch die Landesherrin Preußens ist.

Historischer Hintergrund: Im Jahre 1756 bricht der ‚Siebenjährige Krieg aus. Zarin Elisabeth I. erklärt durch Patent vom 31. Dezember 1757 Ostpreußen als russisches Eigentum. – 1758 marschieren russische Truppen in Königsberg ein und die Stadt verwandelt sich für einige Jahre in eine ‚kaiserlich-russischeStadt‚. Die Stände leisten der neuen Landesherrin den Huldigungseid. Es werden sämtliche preußische Insignien entfernt und russische Staatsfeste gefeiert. Bis 1762 gehört Königsberg zu Russland.

Johann Krumpholtz schreibt: ‚Bey meinen gegewährtig unglückseligen Umbständen, die Ew. Kayserlichen Majestät in Hohen Gnaden erinnerlich seyn wird, ich wegen des Vorfalls mit dem Mühlen Baumeister Stannius zur Vestung condemniret und schon viele Wochen in Pillau geseßen, wird mein Elend noch durch mehrere mich betroffene Unglücksfälle biß zum gänzlichen ruin … vergrößert, indem der neuliche ungewöhnliche Regen und die daher entstandene Fluth, den Schleusen-Thamm ausgerißen, dergestalt daß mir daraus ein gantz unersetzlicher Schade erwächset‘. (Anmerkung: ich konnte leider nicht herausfinden, welche Rolle der Mühlenbaumeister Stannius hier spielt)

Die Bitte um Begnadigung findet Gehör! Das Königliche Hofgericht lässt durch Herrn Korff -den damaligen Generalgouverneur von Königsberg – mitteilen, Johann Krumpholtz sei ‚zu Abwendung seines und der Seinigen gäntzlichem Ruins … vor dieses mahl aus Ihro Kayserlichen Majestaet …Allerhöchster Huld und Erbarmen und in Ansehung des am morgenden Tage einfallenden Geburths-Festes Sr. Kayserlichen Hoheit des Groß-Fürsten Paul Petrowitsch von der weiteren Vestungs-Straffe befreyet.

links: Nikolaus Friedrich von Korff

Die Festungstrafe wird in eine Geldstrafe umgewandelt. Familie Krumpholtz soll nun stattdessen 2oo Reichstaler aufbringen. Am 11. November wendet sich auch Johanns Ehefrau an die Kaiserin und bittet:

‚Wann Ewr. Excellence die meinem Ehemann dictirte zweyjährige Vestungs Straffe dergestalt gnädigst mitigiren geruhet haben, daß an deßen statt eine Geld Buße á 200 Rthl erleget werden soll, so erkenne ich tiefgebeugtes Weib nebst meinen 4 armen Kindern solche Huld fusfälligst mit dem unterthänigsten Danck und bin(,) nach dem ich meine gantze Armuth hingegeben(,) endlich bereit(,) die mit Winseln und Thränen zusammen gesuchte 200 Rthl zu bezahlen.

Wann aber Ewr. Excellence nach dero angebohrnen Huld und Gnade mich sehr betrübtes Weib in meiner Angst nicht unerhört laßen werden so flehe unterthänigst und dehmütigst an in Huldreichem Betracht(,) daß ich schon in diesem Process fast alle das Meinige eingebüßet maaßen mein Mann auch bereits 1 halb Jahr in der Vestung Pillau geseßen höchst dieselben geruhen von diesen mir sehr schwer gewordenen 200 Rthl ein Quantum gnädigst zu erlaßen. Ich ersterbe in unterthänigster Ehrfurcht‘

Am 30. November folgt ein weiterer Bittbrief des Müllers an die Kaiserin:

‚Wann Ewr. Excellence so gnädig gewesen und mir die dictirte Vestungs Straffe huldreichst erlaßen, so verehre solche Grace fusfälligst mit dem unterthänigsten Danck.

Wenn aber jetzt das Müller Gewerck mir als einen gewesenen Vestungs Arrestanten verschiedene Vorwürffe machet und mich gar nicht in ihren Innungen leiden will als flehe Ewr. Excellence ich tiefunterthänigst an(,) Höchstdieselben geruhen(,) mich gnädigst in integrum zu ristativiren und es dahin zu verfügen daß das Müllergewerck mir wegen meines Inquisitions Proceßes keine weiteren Vorfwürffe gemacht werden möge. Ich ersterbe in tiefster Unterthänigkeit.

Johann Krumpholtz bekommt offenbar keine weiteren Probleme – in den Prästationstabellen des Amts Neuhausen findet man seinen Erbkauf-Contract, der im Juli des Jahes 1763 neu geschlossen wird. Bestätigt wird der Vertrag von König Friedrich II (Friedrich dem Großen), der mittlerweile wieder zuständig ist …

aus den Prästationstabellen des Amts Neuhausen

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Von Litauen nach Petershagen, Pr. Eylau – 1946

Ich habe mittlerweile unzählige Fluchtberichte ehemaliger Ostpreußen gelesen und weiß, welches Elend viele von ihnen erleiden mussten. Aber es gibt auch andere Fluchtberichte, die mich sehr berühren. Besonders in der Region um Landsberg (Górowo Iławeckie) im Kreis Preußisch Eylau werden unmittelbar nach dem II. Weltkrieg viele litauische oder ukrainische Familien angesiedelt, die ihre Heimat ebenso verloren und sich unter widrigen Bedingungen ein neues Leben aufbauen mussten.

1910-1920 (Bildarchiv Ostpreußen)

Die folgenden Auszüge stammen aus einem Bericht von Ryszard Bytowt, der aus Bezdany in Litauen stammt und von der Umsiedlung seiner Familie berichtet, die letztlich im Dorf Pieszkowo (Petershagen), im ehemaligen Kreis Preußisch Eylau landet – nicht weit von Landsberg entfernt.

Ryszard war damals ein Kind – er erzählt zunächst von dem schmerzhaften Abschied in Litauen.und fährt dann fort:

In der Morgendämmerung des 9. Mai (1946) hielt der Transport an der polnisch-sowjetischen Grenze an, und nach mehrstündiger Kontrolle der Papiere und der eingeladenen Güter passierte der Zug die Grenze und befand sich auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußen. An der Grenze waren jedoch viele, auf Befehl der Russen hinausgeworfene Kisten zurückgeblieben. Uns war ein ganzer Koffer mit kostbaren polnischen Büchern weggenommen worden und im Schmutz gelandet. Bei den Nachbarn waren es andere Gegenstände oder Lebensmittel. Schließlich erfuhren wir, dass von unserem Zug ein Waggon mit drei Familien abgekoppelt worden war, die aus unbekannten Gründen auf der sowjetischen Seite bleiben mussten. Jeder schaute sich um, wie es in den durchfahrenen Gebieten aussah; die Bebauung, die Feldbestellung in der neuen Heimat. ….

Die Umgebung von Korschen sah ziemlich schlimm aus. Überall Müll verschiedenster Art, durch Wettereinwirkung aus dem Leim gegangene Möbel, es standen sogar zum Teil zerstörte Klaviere und Flügel herum; jemand versuchte, etwas auf der Tastatur zustande zu bringen. In den Gräben lagen zerstörte Räder und Motorräder, mit einem Wort, nicht verwischte Spuren des Krieges. Im Allgemeinen jedoch gefiel es uns, und besonders die vorfrühlingshaft mit üppigem Gras bewachsenen Felder. Ringsum blühende Rosskastanien, und in der Ferne, auf den Feldern Haufen von unausgedroschenem Getreide, Mengen von Kalkdünger und anderem Kunstdünger. Die Bauern freuten sich, dass es Weideplätze für die Tiere gab. Mit Erstaunen betrachteten wir die großen gemauerten Gebäude, deren Fenster ohne Scheiben und deren Dächer durch Kriegseinwirkungen beschädigt waren. In den zurückgelassenen Heimatgebieten waren auf dem Dorf die meisten Gebäude aus Holz oder nur teilweise untermauert. […]

1942 – Gasthaus Steinau (Bildarchiv Ostpreußen)

Es wurde auch bekanntgegeben, dass der Kreis Landsberg (Górowo II.) die meisten leeren Gebäude und Landwirtschaftshöfe aufweise, es jedoch an Eisenbahnverbindungen mangele, denn die Russen hätten die Eisenbahnschienen und anderes Gerät abmontiert und wegtransportiert.

Einige Familien fanden leere Wohnungen in Heilsberg, andere gingen tagelang in den umliegenden Dörfern umher, fanden etwas und warteten nur auf Autos, die ihre Habe zu den ausgekundschafteten leeren Häusern in den nahen Dörfern brächten. Nach drei Tagen wurde es leer auf dem Bahnsteig. Diejenigen, die noch dort waren, wurden angewiesen, diesen zu verlassen, da der nächste Repatrianten-Transport aus Nowa Wilejka und Wilna erwartet wurde. Mein Vater bestach einen Oberleutnant mit einem Kanister aus der Heimat mitgebrachtem Selbstgebrannten, der ziemlich schnell zwei Autos amerikanischer Herkunft bereitstellte, um uns in das Gebiet des oben erwähnten Kreises Landsberg zu bringen. …

Es waren zwei sehr abgenutzte Autos, die Gänge krachten beim Einlegen, das Getriebe klapperte; es bestand keine Gewißheit, dass wir das Ziel erreichen würden. Die Vorahnung erwies sich als richtig, kaum hatten wir 12 km zurückgelegt und befanden uns am Anfang des Dorfes Petershagen (Pieszkowo), ging eines der Autos kaputt, und der Fahrer sagte, weiter kämen wir nicht. Ein schrecklicher Anblick war das, als wir hier zum Stehen kamen! Das, was wir in Korschen, ja sogar in Heilsberg gesehen hatten, war nichts, im Vergleich zu dem Landschaftsbild, welches das Dorf umgab.

Tausende von zerstörten Militärautos und Panzern, Fässern, Drähten und weiß Gott noch alles! Die Soldaten hießen Vater, Anstalten zu treffen zum Ausladen der Pferde, Kühe und Gerätschaften. Mutter bat, uns zur nahen Milizwache zu bringen, weil man uns in dieser Gegend und bei den Gebäuden in Ruinen am Anfang des Dorfes bestehlen und in der Nacht vielleicht sogar erschlagen würde. Vater griff wieder nach einer der Flaschen mit Schnaps, die noch im Getreidekasten steckten, gab sie dem Fahrer und fing an, ihn zu bitten, uns zu der Miliz zu bringen, von welcher wir durch einen gaffend herumstehenden alten Deutschen erfahren hatten.

Nachdem der Fahrer die Flasche mit der heißen Ware versteckt hatte, wurde er weich und beschloß, das kaputte Auto mit einem platten Reifen und dem nicht funktionierenden Motor mittels des anderen fahrtüchtigen Autos abzuschleppen und uns so ans andere Ende des Dorfes zu transportieren. Ein Seil zu finden war nicht schwer. Neben uns im Graben lagen viele verschiedene Seile und Drähte. Er band beide Autos aneinander, zog uns langsam durch das Dorf und hielt an der Milizwache an. Ich erblickte drei Milizianten und eine Zivilperson, die neben dem Gebäude im Gras lagen und Karten spielten. […]

Mutter suchte einige Stunden lang Teller, Messer und Gabeln zusammen und bereitete einen Imbiß zu, der aus geräuchertem Schinken, Getreidekaffee mit Milch und natürlich den Resten des selbstgebrannten Schnapses bestand. Der für die Hilfe dankbare Vater lud die Milizionäre und die Familie des Scheunenbesitzers ein, und gemeinsam genossen wir am neben der Dreschtenne aufgestellten Tisch mit großem Appetit das Essen, tranken den Branntwein dazu und priesen die Hausfrau. Wir hatten also erste Bekanntschaft im unbekannten Gebiet geschlossen. Nach einem arbeitsreichen Tag und vielen Eindrücken schliefen wir ruhig auf dem ausgebreiteten Stroh ein. Die Pferde und Kühe fraßen das viele Jahre lang in der Scheune gelagerte Heu und Stroh. ……

In der Scheune saßen wir zwei Wochen lang. Vater und ich erkundeten Petershagen und die Dörfer in der Umgebung. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, dass die Repatrianten und die Ansiedler aus Zentralpolen dies Gebiet schnell wieder in den Normalzustand zurückführen könnten. Es gab keinen Strom, die von den Geschossen zerfetzten elektrischen Leitungen lagen auf der Erde oder hingen von den Masten herab.

Eine kleine Anzahl älterer Deutscher mit Kindern, während die mittlere Generation nicht mehr lebte oder nach Deutschland geflohen war, brachte den Repatrianten aus der Wilnaer Gegend mehr Vertrauen entgegen als den polnischen Ansiedlern, die aus den Häusern deutscher Familien Möbel und anderen Hausrat entwendeten. Die Deutschen brachten meiner Mutter öfters Teller und anderes Geschirr mit der Bitte um ein Stück Brot, Milch oder Speck als Gegengabe. Mutter, welche die Schrecken des Krieges kannte, gab ihre bescheidenen Lebensmittelvorräte an die Deutschen ab, ohne das Geschirr oder andere Sachen anzunehmen. Durch dieses Verhalten gewann sie auch Freunde unter der einheimischen Bevölkerung.

Wir waren erst fast zwei Jahre nach der Befreiung als Repatrianten hier angekommen. Die besseren Gebäude waren schon durch Ansiedler aus verschiedenen Gegenden Polens besetzt. Es gab noch viele leere Häuser, aber in ruinösem Zustand, teilweise abgebrannt. Die zweiwöchige Suche in der Umgebung hatte zu nichts geführt.

Der resignierte Vater nahm mich und meine Mutter mit, indem er nur meinen jüngeren Bruder Rajmund zur Bewachung der Habe zurückließ, und schlug vor, ein Haus zu beziehen, das er „Zu den alten Eichen“ getauft hatte, weil bei diesem Haus zwei mächtige Eichen wuchsen. Eine an die Eingangstür des Wohnhauses geheftete weiß-rote Flagge war das Zeichen, dass das Haus besetzt sei. Fast jeder Repatriant hütete sich, ein Haus einzunehmen, (auch wenn es leerstand), an dem eine weiß-rote Fahne angeschlagen war.

1939 – Hof Tobies (Bildarchiv Ostpreußen)

Unser Beschluss war einstimmig. Wir würden dieses Haus in Besitz nehmen. Wir würden in dieses Haus einziehen und Bauern werden, wie wir es in der Heimat waren, obwohl Mutter lieber in der Stadt gelebt hätte. Man kann sich überhaupt keine Vorstellung machen, wie die Gebäude und sogar die Äcker aussahen! Keine Scheiben in den Fenstern, aufgeschlitzte Federbetten und Kissen, alles voller Glasscherben von Geschirr und Flaschen, Abfälle, Verschmutzung verschiedenster Art. Der Hof und die Felder bedeckt mit Kriegsgerät. Es hatte den Anschein, als ob niemand imstande sein würde, das alles aufzuräumen, zu säubern. Beschädigte Möbel, von den Wänden der Wirtschaftsgebäude abgerissene Bretter, Skelette erschlagener oder vor Hunger und Durst verendeter Tiere in den Wirtschaftsgebäuden und auf den Feldern. Auf Schritt und Tritt Minen, Blindgänger.

um 1940 Kartoffelernte auf dem Hof Bangel (Bildarchiv Ostpreußen)

Unter Lebensgefahr machten wir innerhalb einiger Tage einige Zimmer bewohnbar und die Küche benutzbar. Wir schliefen auf dem Boden, mit den eigenen Kleidern bedeckt, und auf den mitgebrachten eigenen Kissen. So wie andere „Organisatoren“ waren wir durch die Situation gezwungen, nach Heilsberg zu fahren, um aus den leeren Gebäuden der ehemaligen Radiostation einige Scheiben zu ergattern und wenigstens eine in jedes Fenster des Hauses einzusetzen; die übrigen Fensteröffnungen vernagelten wir mit Brettern oder verstopften sie mit Kissen. Die Reinigungsaktionen dehnten wir nach und nach auf die Wirtschaftsgebäude und auf den Hof aus. Durch diese Arbeit wurden wir nach und nach auch mit den fremden Winkeln des Hauses vertraut; sie brachten uns dazu, sich mit den Tatsachen abzufinden, dass es kein Zurück zu der geliebten heimatlichen Wilnaer Gegend geben würde, dass diese Gebiete hier auf immer unser waren, unser auch die Gebäude und das ganze Land.

Bei vielen Bewohnern … jedoch hielt die Unsicherheit lange an. Dauernd wurde gesagt, dass die Eigentümer zurückkehren, dass die Deutschen uns den Boden wegnehmen würden. Die Bewohner der Dörfer und kleinen Städte renovierten die Gebäude nicht, investierten nicht in ihre Bauernhöfe, die ganze Zeit warteten sie ab.

Erst nach vielen Jahren begannen sich die Dörfer … positiv zu verändern. Meine Eltern begannen die Gärten zu bearbeiten, die Felder zu pflügen und anzusäen. …

Dieser Bericht wurde vor mehreren Jahren unter der Überschrift: ‚Erlebnisberichte von polnischen Umsiedlern‘ vom Herder-Institut veröffentlicht. Leider stimmt der kopierte Link nicht mehr – ich finde den Bericht nicht wieder.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Ein Kommentar

Briefe eines ‚wackeren preußischen Offiziers‘

Das Gutshaus von Groß Lauth im Kreis Pr. Eylau

Augusta Friderica Clementine von der Goltz wird am 7. Juni 1784 als Tochter des Barons George Friedrich von Goltz und seiner Gemahlin Charlotte Loyse Antoinette von der Gröben auf dem Gut Groß Lauth im Kirchspiel Jesau geboren. Dies ist ihr Taufeintrag aus dem Kirchenbuch.


Dem Herrn George Friedrich v. Goltz, Besitzer von Groß Lauth
ist von sr. Gemahlin Charlotte Lose Antoinette v. Groeben den
7ten Junius 1784 eine tochter geboren, welche den 21ten Junius
im Hofe zu Groß Lauth getauft u. Auguste Friderica Clementine genannt
wird. Compatres: 1. H. Maior v. Rüsch. 2. Frau Maiorin v. Unruh.
3. Frau Maiorin v. Rüsch. 4. die Frau Rittmeisterin v. Domhardt

Schon als Teenager weiß Clementine, dass sie dereinst die Ehefrau des 15 Jahre älteren Leopold Otto Julius von Wedell werden wird. Im April 1800 wird den Freunden und Verwandten im ‚Königsberger Intelligenzblatt‚ unter ‚Verbittung des Glückwunsches‚ die Verlobung bekannt gegeben.

Ausschnitt aus dem Buch

Otto von Wedell ist zunächst mit seiner militärischen Laufbahn beschäftigt und über lange Zeit bleibt Clementine und Otto nur der briefliche Kontakt ….

Die Briefe ‚des wackeren preußischen Offiziers‘ Otto von Wedells an Clementine blieben erhalten – sie wurden in der Zeit von 1799 bis 1800 geschrieben und 1911 herausgegeben von Arthur Köhler, Leipzig, Röder u. Schunke. In einer Ausgabe der ‚Münchner Allgemeine(n) Zeitung‘ vom 10. Juni 1911 erscheint eine Rezension von Dr. Karl Fuchs über diese Briefe, die – laut Dr. Fuchs – reiche Einblicke in das gesellschaftliche und öffentliche Leben der damaligen Zeit bieten.

Leopold Otto Julius von Wedell wurde am 20. Juli 1769 zu Sillingsdorf in Pommern als Sohn des Erb- Lehns- und Gerichtsherrn daselbst Kaspar Otto v. W. und dessen zweiter Gattin Anna Libica Juliana geboren. Seine militärische Laufbahn begann er im Jahre 1785 als Fähnrich im Regiment ‚Herzog von Braunschweig‘ Nr. 31; am 26. Januar 1791 wurde er zum Sekondeleutnant befördert. Seine Teilnahme am Rheinfeldzug von 1792 bis 1795 scheint ihm nicht Gelegenheit gegeben zu haben, sich bei einem kriegerischen Ereignisse sonderlich hervorzutun, da er deren in seinen Briefen nur obenhin Erwähnung tut.

Am 13. September 1797 wurde er zum Premierleutnant befördert und als solcher zum Infanterieregiment von Courbière Nr. 58 versetzt, wodurch er nach dem fernen, damals noch sehr unwirtschaftlichen östlichen Preußen in die kleine Garnison Oletzko, ein Städtchen von ungefähr 1000 Einwohnern an der polnischen Grenze zwischen Allenstein und Insterburg, kam.‘ (Quelle: Dr. Karl Fuchs)

Das Leben in Oletzko gefällt Otto von Wedell nicht – er beklagt die Missstände des preußischen Heers, das schreckliche Exerzieren‘, die zahlreichen Deserteure und den Schlendrian seiner Kameraden. ‚Die vielen Bälle und Picknicks sind ihm ein Dorn im Auge; er lernt da skandalöse Ehen kennen, rohe Ausschweifungen, ergebene Ehemänner, leichtsinnige Frauen und kokette putzsüchtige Mädchen. Er selbst scheint jedoch von diesem Schlendrian auch infiziert – so bezahlt er offenbar Kameraden dafür, dass sie einige seiner Pflichten übernehmen.

Im Herbst des Jahres 1800 (Vermerk im Taufeintrag des 1. Kindes) – nicht wie bei Dr. Fuchs angegeben am 2. Juli 1801 – findet in Groß Lauth die Hochzeit von Otto von Wedell und Clementine von der Goltz statt. Clementine ist 16 Jahre alt.

Im September schreibt Otto an Clementine:

8.9.1800 ‚Ach Tiene, wie herzlich sehne ich mich nach Dich, und Deinen Umgang. Hier in Oletzko habe ich gar keinen Menschen, der mit mir harmoniert, und an einen freundschaftlichen Umgang ist gar nicht zu denken. Das Cops Officiers des Reinhartschen Regiments stimmt mit dem unserigen in nichts überein, und da überdem die Menschen hier gar keine Gelegenheit haben, sich in irgend einer Art, die Jagd ausgenommen, zu bilden, so macht ihr Umgang nicht das mindeste Vergnügen, im Gegentheil wird er sehr lästig. Du kennst mich, dass ich schlechterdings nicht im Stande bin, mich zu verstellen und daher sieht mich meine Unzufriedenheit gleich jeder an‘ …

Otto von Wedell teilt mit, dass er sich quälen müsse, er hofft auf eine stille traute Häuslichkeit und ‚träumt sich als zukünftiger braver Ehemann in die Behaglichkeit des warmen Nestes, das sie einmal gründen werden‘. Und so schreibt er an Clementine: ‚Wir wollen recht häuslich leben. Gewis bleib ich immer Dein Gesellschafter und werde mich recht bemühn, mit Dir zusammen die Zeit nützlich und angenehm zuzubringen. Dahin rechne ich besonders das Lesen guter Bücher. … Zur Abwechslung beschäftigt sich meine Tiene dann mit häuslicher Arbeit, schreibt auch dann und wann ein Briefchen, und so geht die Zeit hin, biß wir vieleicht eine beßere Garnison bekommen oder zur Abwechslung eine kleine Reise machen – wenn wir recht gut gewirtschaftet haben.‘

Mehrmals denkt von Wedell über seinen Abschied vom Militär nach. Er offenbart seiner Tine, dass er am liebsten ‚den Staub von den Füßen schütteln und Landwirt werdenwürde dass er dies jedoch nicht täte, weil es ihr Wunsch sei, dass er Offizier bliebe. ‚Seine gärende Unzufriedenheit und dabei angeborne Neigung zu philisophischer Beschauung der Welt treibt ihn in eine naiv-sentimentale Richtung seiner Liebe und ganzen Lebensanschauung …‘ (Dr. Karl Fuchs in der Rezension der Briefe)

In zarter Gewissensforschung‘ (Dr. Fuchs) gesteht er seiner Braut, die er ‚Herzenstine‘ oder ‚Mäusechen‘ nennt, wenn er zu viel getrunken oder geraucht hat. Er schreibt zum Beispiel: ‚Heute habe ich viel Taback geraucht; bey jedes Pfeifchen, dass ich mir stopfte, dacht ich an meine gute Tiene, daß Dus wohl nicht recht gern sähst, aber ich hab auch viel Bier dabey getrunken, und dann schadet es nicht, Schnaps trink ich jetzt gar nicht, meine Gute, und wenn ich vieleicht einmal einen trinke, würde ich Dirs gewiß gleich schreiben, denn ich kann jetzt nichts thun, was meine Tiene nicht gleich wissen darf‘.

Am 2. September 1801 kommt in Groß Lauth Tochter Clementine Lovise zur Welt.

Taufeintrag aus dem KB von Jesau

Nach 17jähriger Dienstzeit nimmt Otto 1807 seinen Abschied vom Militär – fortan wohnt die Familie auf dem Besitz der Wedells in Silligsdorf (Pommern), wo bis 1813 noch drei weitere Kinder zur Welt kommen.

1813 meldet sich Otto von Wedell freiwillig, um bei Wittstock und Groß-Beeren gegen die Franzosen zu kämpfen. Er wird bei der Schlacht von Dennewitz so schwer verletzt, dass er am 14. September 1813 in Berlin verstirbt.

Sillingsdorf – Besitz der Familie von Wedell

Clementine bleibt nach dem Tod ihres Ehemanns als Witwe in Sillingsdorf und verstirbt dort 1860 im Alter von 76 Jahren.

Ich habe nicht nur die Rezension gelesen, sondern auch das Buch, in dem Otto von Wedells Briefe an Clementine abgedruckt wurden. Es lohnt sich! Ab und zu findet man es noch antiquarisch.


Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Eindrücke aus dem ehemaligen Landsberg, Pr. Eylau

Die Sage über die ‚Frühpredigt zu Landsberg‘ wurde geschrieben von Carl Eduard Torno, der am 23. Januar 1801 als Sohn des Landsberger Großbürgers und Kaufmanns und späteren Hospitalvorstehers und Bürgermeisters Carl Friedrich Torno und dessen Ehefrau Johanna Charlotta Pfeiffer in Landsberg geboren wurde.

Carl Eduard Torno selbst wird Pfarrer. Nachdem er von 1827-1833 die Pfarrstelle in Stallupönen und von 1833-1843 die in Göritten inne hatte, kehrt er zurück in die Nähe seines Geburtsorts und übernimmt bis 1850 die Pfarrstelle im benachbarten Kirchdorf Eichhorn.

Im Mittelpunkt dieser natangischen Sage steht der Geist des im September des Jahres 1712 tatsächlich ermordeten Landsberger Ratsherrn Ephraim Henning – in der Sage ‚Philiborn‚ genannt. Davon habe ich bereits vor einigen Jahren erzählt. …..

Mörderlich erstochen – Landsberg, Pr. Eylau (1712)

Der Geist des Ermordeten findet keine Ruhe und sorgt für mancherlei Verwirrung ….

Die Sage enthält jedoch auch eine Beschreibung der Stadt Landsberg zu früherer Zeit. Einige meiner Vorfahren werden sie so noch kennengelernt haben!

Auszug aus dem 23. Band der Preußischen Provincialblätter, der 1840 in Königsberg erschien.

‚Noch zu der Zeit als die deutschen Ordenritter über das Preußenland herrschten, wurde das Städtchen Landsberg gegründet. Landsberg wurde im Jahr 1336 auf Befehl des Hochmeisters Dietrich von Altenberg durch den Comthur von Balga Namens Heinrich v. Muro erbauet. So Manches war damals anders an Gewohnheit und Sitte, wie es vielleicht späterhin überall der Fall war.

Blick vom ehemaligen Mühlenteich auf die Reste der alten Stadtmauer

Die Stadt war mit einer Burgmauer umgeben, die wohl noch jetzt zum Theil zu schauen ist; namentlich stehen auf derselben mehrere Häuser, deren untere Mauer eben diese Stadtmauer ist: So z.B. die ehemalige Kantorei. die Kaplanei u.s.w. Die Mauer zog sich bis zum hohen Thore hin, welches jetzt nicht mehr vorhanden ist, lief dann weiter fort nach der Seite des Töpferteiches hin im Rundkreise bis zum Mühlenthore hinab. Auch dieses Thor ist schon längst verschwunden und von hier aus ging die Mauer den Mühlenteich entlang bis zur Kirche hin.

Den Markt umgaben hölzerne Ueberdächer, Lauben genannt. In anderen Städten, wie in Heilsberg, waren es gemauerte Gänge oder Gewerbehallen, welche zum städtischen Verkehr eingerichtet wurden, wo man Waren auslegte und verkaufte.

Nahe der Stadt befand sich ein uralter Eichenwald, den noch viele der jetzigen Einwohner gekannt haben, und der erst in neuerer Zeit niedergehauen und dessen Land zu Gemüsegärten und Hauäcker eingerichtet wurde. Dieser Wald diente zum Belustigungsorte der Einwohner. Tanzböden und Spaziergänge waren allenthalben in demselben eingerichtet, wie es denn auch der Aufenthaltsort unzähliger Nachtigallen war, an deren Gesange sich die Landsberger ergötzten. So wie nun das Aeußere des Städtchens dem Fremdlinge sich damals in ganz anderer Gestalt darstellte, als es jetzt ist, so waren auch Sitten und Gebräuche anders, als in derGegenwart.

eigenes Foto von 2011 – rechts ein Stück der alten Stadtmauer

Es gab damals wohl keinen Bürger, der nicht gerüstet und gewappnet augenblicklich auf der Burgmauer hätten erscheinen, oder dem nahenden Feinde hätte entgegen ziehen können. Vor allen gehörte zu den notwendigsten Erfordernissen des Hausgeräthes die gezogene Kugelbüchse, welche stets am besten Ort und im besten Zustande aufbewahret war. War nun die Stadt vor Ueberfällen sicher und der Frieden zurückgekehrt, so traten die Bürger zur Schützengilde zusammen und belustigten sich am Scheibenschießen. Das Herz der Meister wie der Frau Meisterin pochten vor Freude, wenn nun am Tag des Schützenfestes die uralten Stadtfahnen auf dem Markte erschienen, zusammt ihrem Schützenkönige. Jeder griff nun nach seinem schon längst gesäuberten und gereinigten Feuerrohr und eilte zum Rathause. Alsbald begann der Zug, voran die Ratsherrn, in ihrer Mitte der Schützenkönig, geschmückt mit Ordensband und silbernem Schilde, und wenn nun der Zug zum hohen Thore gelangte, vor dem links zur Seite der Schießplatz lage, folgte Jung und Alt, Frau und Kind mit, um sich an diesen Übungen zu ergötzen.

Die Landsberger Schützengilde wurde bereits im Jahr 1645 gegründet. Über Jahrhunderte spielt sie im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle. ‚Im Jahr 1818 wurde das Scheibenschießen durch die angestrengte Bemühung des Herrn Bürgermeisters Torno wiederum eingeführt und eine neue Schützengilde errichtet welche in 84 Mitgliedern bestand und den 1ten August das Königsschießen, den 2ten August aber das Gewinnschießen von selbigen abgehalten wurde‚. (Landsberger Chronik)

Doch nicht allein waren es die Bürger, welche das Waffenhandwerk trieben, sondern auch selbst die Rathsherren erschienen bei jeder Gelegenheit, sei es zum Ernste oder zur Freude, mit dem Degen an der Seite. So geschah es denn auch einstmals, als die Ratsherren so bewaffnet wie sie waren in der alten Rathsstube auf dem Rathhause das Wohl der Stadt erwogen. Zwei derselben konnten über eine Maßregel, die von ihrem Oberhaupt in Vorschlag gebracht war, nicht einige werden. Lange wurde hin und her mit Worten gekämpft, und wiewohl die andern Collegen sich ins Mittel schlugen, so konnte doch dem Streite nicht ein Ende gemacht werden. Schon lange trugen nämlich Beide gegeneinander Haß und Groll in ihrem Herzen und als der Streit zum höchsten Gipfel stieg, zog der eine der streitenden Ratsherren seinen Degen und rammte ihn seinem Collegen in den Leib‘.

‚Der Degen wurde zum Gedächtniß über diese That und zur Warnung Aller auf der Rathsstube aufbewahrt. Er hing noch viele Jahre an einem der Querbalken dieses Zimmers befestigt, bis er von den Franzozen im Jahre 1807, da der Griff desselben von Silber war, hinweggenommen wurde‘. (Landsberger Chronik)

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

So erwachen die Ahnen zum Leben ….

Wenn man sich intensiv mit dem Leben seiner Vorfahren beschäftigt, stellt man vielleicht fest, dass man im Laufe der Zeit zu einigen seiner Ahnen ein besonderes Verhältnis aufbaut.

Bei mir geschieht dies immer dann, wenn es mir gelingt, ein wenig mehr heraus zu finden als nur ihre Namen und Daten, die ich den Kirchenbüchern entnehmen konnte. Darum habe ich mich im Verlauf der vergangenen 25 Jahre immer bemüht, zusätzliche Informationen zu meinen Ahnen zu finden: Fotos, Verträge oder andere Dokumente, Erwähnungen in der Literatur oder die Nennung ihrer Namen in Steuertabellen oder anderen Listen.

Ich will anhand meiner Ostpreußen-Vorfahren verdeutlichen, was ich meine ….

Die Ahnen erwachen zum Leben, wenn man sich nicht nur auf ihre Namen und Daten beschränkt!

Hier einige Beispiele:

Fotos meiner ostpreußischen Ahnen sind in meiner Familie leider kaum vorhanden – da gibt es nur ein einziges, das meine aus Ostpreußen ausgewanderten Urgroßelten, den Schneidermeister Leopold Gegner, seine Ehefrau Therese, geb. Westphal und ihre 3 jüngsten Kinder zeigt. Von meinem 1886 in Landsberg geborenen Großvater existieren 2 Bilder: eines, auf dem er mit meinem Vater auf dem Arm und einem seiner Brüder zu sehen ist und eines, das ihn als Soldaten zeigt. Diese Bilder hüte ich wie einen kostbaren Schatz!

Weitere Unterlagen gab es nicht – keinerlei Briefe, keinerlei Dokumente. Es gab auch niemanden, der mir etwas erzählte – keinerlei Überlieferungen. Mit dem Tod meines ostpreußischen Großvaters (mit nur 29 Jahren während des 1. Weltkriegs) scheint das Thema ‚Ostpreußen‚in der Familie erledigt gewesen zu sein, obwohl meine ostpreußische Urgroßmutter noch bis 1945 ganz in unserer Nähe lebte und ich selbst noch Geschwister meines verstorbenen Großvaters kennenlernte – ohne allerdings zu wissen, dass sie seine Schwestern waren …. sie waren einfach ‚Tanten‘ und ‚Onkel‘.

Ich musste mich also selbst auf die Suche begeben, wenn ich mehr erfahren wollte … Durch die Veröffentlichung meiner BLOG-Beiträge in diesem Genealogie-Tagebuch entstanden zahlreiche Kontakte zu entfernten Verwandten und im Laufe der Jahre wurden mir auch Fotos zugesandt – zum Beispiel das des jüngsten Bruders meiner Ur-Ur-Großmutter Friederike Matern aus Hoofe, das von Selma Ankermann, der 1877 in der Mühle von Konnegen geborenen Tochter des Mühlenbesitzers Gustav Heinrich Ankermann (Bruder meiner Ur-Ur-Großmutter Johanna Ankermann) oder das Foto des Kaufmanns Julius Schnell, der mit Selmas Schwester verheiratet war.

Ich begann zu sammeln … in der Heimat meiner Vorfahren sammelte ich Fotos von Gebäuden oder Orten, die einen engen Bezug zu ihnen haben – hier z.B. der Weg zur ehemaligen Mühle von Groß Peisten, den meine Vorfahren als Betreiber bzw. Besitzer dieser Mühle sicherlich oft zurück gelegt haben und den auch ich im Sommer 2004 noch begehen konnte. Auch das Innere des Gebäudes konnte ich noch besichtigen – mittlerweile wurde es abgerissen.

Ich ordne die historischen Gebäude ihrem Standort zu, um mir vorstellen zu können, wie meine Ahnen den Ort ehemals wohl erlebten ….

Die persönliche Unterschrift meines Urgroßvaters Leopold Gegner entdeckte ich am Tag meines 60. Geburtstags im Staatsarchiv von Olsztyn.

Die Bewohner des Dorfes Regellen bei Goldap (früher auch Regelken) leisten 1798 ihren Erbhuldigungseid in Angerburg. Auch meine Vorfahre Christoph Borm muss dort erscheinen. Er macht 3 Kreuze, ist demnach des Schreibens nicht mächtig.

Ein Ausschnitt aus den Grundakten der Begüterung Groß Peisten, in denen unter Nr. 9 und Nr. 12 meine Vorfahren Johann Borm (Sohn des zuvor genannten Christoph Borm) und Carl Mat(t)ern als Erbpachtsnehmer im Dorf Hoofe im Kreis Preußisch Eylau aufgeführt werden.

Mein Vorfahre Johann Wilhelm Hellwichs, der während des 18. Jahrhunderts u.a. die Landsberger Ordensmühle sowie die Mühle in Groß Steegen betrieb, hinterließ einen Vertrag, der 1749 am Hofe von Wildenhoff zwischen dem Grafen von Schwerin und ihm geschlossen wurde und außerdem einige Beschwerde-Briefe, da er in Landsberg aufgrund fehlenden Wassers nicht ordnungsgemäß mahlen konnte..

Das Inserat meines Ur-Ur-Urgroßvaters Johann Carl Westphals in einem Pr. Eylauer Kreisblatt des Jahres 1874, in dem er bekannt gibt, dass er seine Mühle auf dem Landberger Kohnertsberg verkaufen will.

Den Standort der Mühle erkundeten wir im vergangenen Sommer!

Im Juli 2023 auf dem Kohnertsberg – hier etwa hat die Mühle gestanden . Die Stadt Landsberg lag Carl Westphal zu Füßen

Christian Schmidt – ein Sohn des Woriener Kunstgärtners Christian Schmidt und Anna Gegner – Schwester meines Vorfahren Christoph Gegner – wird Arrendator des Gutes Klein Steegen. Im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau entdeckte ich eine Notiz, in der er erwähnt wird, weil er im Jahre 1762 das Positiv der Canditter Kirche aus Danzig holen ließ: ‚D. VIII. p. Trin 1762 ist das Positiv zum ersten mahl in der Kirche von H. Behm, Organisten in Bartenstein, der selbiges gestimmt, gespielet worden. Herr Burggraff Cöster hat das daßelbe aus eigenen Mitteln der Kirche gekaufet und H. Administrator Schmidt aus Kl. Steegen hat es selbst in Danzig bedungen und hierher bringen laßen. Kostet an sich 100 Rthlr und 20 Rthlr an Unkosten‘.

Ein Positiv (von lateinisch ponere „setzen, stellen, legen“) oder Orgelpositiv ist eine kleine, transportierbare Orgel mit wenigen Registern, gewöhnlich einmanualig und ohne, oder mit lediglich angehängtem Pedal. Ein Teilwerk einer größeren Orgel wird häufig ebenso Positiv genannt. (Wikipedia)

Als Verwalter des Guts Klein Steegen wird Christian Schmidt außerdem in dem BüchleinDie Arrendatorin‘ von Frieda Busch genannt und es wird bemerkt, dass er ehrlich und anständig gewirtschaftet‘ habe.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die mich begeistern und den Ahnen Leben einhauchen – zum Beispiel, wenn in einem 1773 erschienenen Bericht erwähnt wird, dass der Bruder meines Vorfahren Michael Steinort – der Schulze Lorenz Steinort in Schönfließ bei Königsberg – das Verhalten der Störche beobachtete. Darüber habe ich hier bereits geschrieben: … …-

Die ‚Sammelei‘ macht Spaß – ich werde sie fortsetzen!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , , | 2 Kommentare

Von Landsberg über Norwegen nach Amerika

Ein Norweger im ostpreußischen Landsberg! Das sorgt im Sommer des Jahres 1846 offenbar für einiges Aufsehen unter den Bewohnern der Stadt – auch in der Landsberger Chronik wird dieses besondere Ereignis erwähnt. Der Schreiber berichtet:

‚Als etwas immerhin Bemerkenswerthes erwähne ich einen Bräutigam aus dem Königreich Norwegen, welcher am 26. August seine Hochzeit feierte und am folgenden Tage mit seiner jungen Frau nach seiner Heimath(,) der Stadt Fleckenfjordt in Norwegen abreiste. Es war der Kaufmann Lars Tjersland und seine Braut war Fräulein Mathilde Böhncke. Sie hatten sich in Königsberg kennen gelernt.‘

Heiratseintrag aus dem Kirchenbuch von Landsberg 1864 : Lars Berntsen Tjersland, Kaufmann in Flekkefjord in Norwegen, 23, Vater: Bernt Tjersland, Besitzer daselbst, u. Mathilde Josephine Ludowike Boehnke, Jungfer in Landsberg, 23, Vater: August Boehnke, Privatier in Königsberg

Im Umkreis von Landsberg leben zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Boe(h)nke-Familien. Mathilde Josephine Ludowike Boehnke stammt jedoch nicht aus Landsberg, sie wurde in Klaukendorf – nicht weit entfernt von Allenstein – geboren. (Ihr Geburtsort wird 1865 im Census von Flekkefjord genannt – siehe weiter unten…!) – Zum Zeitpunkt der Eheschließung ist Mathilde 23 Jahre alt, ihr Vater August Boehnke lebt als Privatier in Königsberg.

Warum fand die Eheschließung in Landsberg statt? Vielleicht gibt es eine familiäre Verbindung zu dieser Boe(h)nke-Familie? 1875 lebt in Landsberg der Kaufmann Rudolph Boenke – seine Ehefrau heißt Emilie geb. Ohm. Die beiden haben 2 Söhne: Rudolph Gotthilf Martin *1875 u. Emil Johann Eugen *1878. Rudolph Gotthilf Martin wird Photograph, heiratet 1905 in Berlin die Modistin Minna Auguste Mathilde Herm und verstirbt am 6.11.1934 in Berlin-Reinickendorf. Die Eltern wohnen 1905 in Bartenstein – Vater + vor 1917 – Mutter lebt noch in Bartenstein. Sohn Emil Johann Eugen Boenke lebt 1917 als Zahlmeister in Berlin u. heiratet dort 1917 die Stenotypistin Erna Hedwig Lucie Wolf (1921 geschieden)

Auch der Bräutigam ist zum Zeitpunkt der Eheschließung 23 Jahre alt. Er ist Kaufmann in Flekkefjord, einer Stadt an der Südwestküste Norwegens und heißt mit vollem Namen Lars Bernsten Tjersland. Sein Vater Bernt ist Besitzer in Flekkefjord.

Der Landsberger Chronik nach verlässt das junge Ehepaar Landsberg bereits am Tag nach der Hochzeit und wohnt zunächst Norwegen – in der Heimatstadt des Ehemanns. Schon im September des Jahres 1865 wird in Flekkefjord ihr Sohn Berngar August Leo Tjersland geboren. Im Norwegischen Nationalarchiv wird die kleine Familie im Census von 1865 erwähnt.

Quelle: https://www.digitalarkivet.no/

Lars und Mathilde bekommen in Norwegen zwei weitere Kinder: 1868 wird Alma geboren und 1869 kommt Richard zur Welt.

1870 wandert die Familie nach Amerika aus und nennt sich fortan nicht mehr Tjersland, sondern Thomsen! Manchmal wird der Name auch Thompsen geschrieben. 1880 wohnen Lars und Mathilde – mit mittlerweile drei weiteren Kindern – in Chicago. Aufgeführt werden der noch in Norwegen geborene Sohn Berngar (15 Jahre) sowie Sohn George (7 Jahre) und die Töchter Louise (2 Jahre) und Betty.

In einigen der bei Ancestry oder auf anderen Portalen veröffentlichten Stammbäume findet man Informationen über diese Familie – allerdings erscheint Mathilde Josephine Ludowike Boehnkes Name dort in unterschiedlichen Variationen.

Lars Thomsen, geb. Tjersland verstirbt 1894 in Chicago – seine ostpreußische Ehefrau Mathilde wohnt 1900 noch mit ihren jüngsten Kindern Louise, Betty und Lars in Chicago:

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar